Volvo XC40 Recharge Twin Pro: Muskelbepackter Elch

Die Volvo XC40 Reihe bietet bereits zwei rein elektrische Varianten. Der „Kleine“ der Volvo SUV-Palette ist nicht ausschließlich mit dem frontgetriebenen, einmotorigen Antriebsstrang mit 231 PS, sondern auch mit dem deutlich kräftigeren, mit zwei Motoren und einer satten Leistung von 408 PS bestückten Recharge Twin Pro auf dem Markt vertreten. Der im Werk nahe der belgischen Stadt Gent produzierte Schwede verfügt dank der zwei E-Motoren (pro Achse ein E-Aggregat) über einen Allradantrieb und soll mit seinem kleinen Bruder erst der Anfang einer, laut Volvo „Ära der Elektromobilität“ einläuten, welche schlussendlich in einer völlig elektrifizierten Fahrzeugpalette aus Schweden gipfeln soll.

Exterieur: Die Leistung gut versteckt

Gewohnt sattelfest steht der Volvo Recharge XC40 Twin Pro an der Ladestation. Der Kühlergrill geschlossen, das dezente Recharge Brand an der C-Säule und der fast schon unscheinbare Twin Aufkleber am Heck des Vollzeitstromer verraten nicht viel, bis gar nichts über die tatsächliche Performance des Stromers. Etwas zu dezent vielleicht, denn dieser E-Volvo ist etwas Besonderes. Nicht etwa wegen des großen Glaspanoramadaches oder der speziellen Formgebung, nein, dieser Volvo strotzt voller innerer Werte. Und das gefällt, denn die gewohnte Optik schreckt nicht ab, so wie bei manchen, zu futuristische Elektrofahrzeuge und spricht somit sicherlich auch eine breitere Masse an. Ein kleines Manko gibt es dann doch. Leider ist das Testmodell mit 19-Zoll, statt den großen, deutlich besser zur Geltung kommenden 20-Zoll Leichtmetallrädern bestückt. Hier würde sich der Aufpreis von € 550 sicherlich lohnen, wobei die größeren Räder sicherlich wertvolle Reichweite beanspruchen würden.

Interieur: Eine weitere, starke Seite

Aufgeräumt, gut verarbeitet, hochwertig und mit einigen Highlights verfeinert würde wohl die Kurzfassung des Interierus lauten. Die Armaturenlandschaft ist volldigital (12,3 Zoll Display), das mittig angebrachte Multiscreen ist aus einigen anderen Volvo Modellen wohl bekannt und hat aufgrund der nicht gerade intuitiven Bedienung nicht nur Fans. Ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig sind nach wie vor die besonders auffällig ausgeführten Lufteinlässe, welche bald auf ein Update hoffen lassen. Dafür sind die konkaven Dekorelemente, welche sich entlang der Armaturenlandschaft bis tief in die Türverkleidung ziehen, äußerste gelungen und bringen in das ansonsten etwas nüchtern ausgefallene Innenleben Farbe und Wohlbefinden. Die Materialien wirken hochwertig und vor allem an die Vollledersitze glänzen mit guter Sitzpostion und bester Materialwahl.

Sehr gelungen ist auch das riesige Glaspanoramadach, welches sich idealerweise, auch öffnen und verdunkeln lässt und somit immer für das gewünschte Raumgefühl sorgt.

Platzangebot: Gut in dieser Klasse

Der XC40 ist für den „Kleinen“ aus der Volvo SUV -Palette (4.425mm Länge, 2.034mm Breite inkl. Seitenspiegel und 1.652mm Höhe) bereits richtig geräumig und keineswegs eng geschnürt. Und dies dank 2.702 mm Radstand nicht nur in der ersten Reihe, sondern auch im Fond. Der Hauptkofferraum im Heck fasst mindestens 419 Liter und ist durch Umklappen der 60:40 teilbaren Rückbanklehne auf bis zu 1.295 Liter variabel und vielseitig erweiterbar. Sehr angenehm ist der zusätzliche Frontkofferraum (Frunk) unter der Motorhaube. Wobei mit etwas mehr als 30 Liter Fassungsvermögen hier hauptsächlich die Ladeausrüstung wie Kabel und Adapter bis zur nächsten Ladung schlummern werden.

Sicherheit: Volvo, durch und durch

Eine üppige Fülle an Fahrassistenten reichen sich die Hände mit 360 Grad Kamera- Einparkhilfen, Verkehrsschilderkennung und vielen anderen nützlichen Annehmlichkeiten. Die Erkennung von Fahrzeugen schützt rechtzeitig und lautstark vor unliebsamen Kontakten mit anderen Fahrzeugen oder Fußgängern. Hier gibt Volvo eben den Ton an!

Antrieb: Richtig Druck über alle Räder

In Betrieb nehmen lässt sich der XC40 Recharge Twin Pro, wie mittlerweile auch einige Konkurrenten, durch bloßes Hinsetzen und aktivieren des Drive- Modus über den kleinen Wahlhebel an der Mittelkonsole. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber eben energieschonend ist, dass der kleine E-Kraftprotz eine One Pedal Funktion besitzt. Die sehr schlagartig einsetzende Wirkung ist leider nicht variabel einstellbar, jedoch sehr effektiv und schont vor allem im urbanen Raum gehörig die Reichweite und die Bremsanlage. Wer nicht damit zurecht kommt, kann im Hauptmenü diese Funktion deaktivieren und wieder auf das herkömmliche Segeln umstellen.

Ob die Vernunft ein wenig bei Seite gelegt wurde oder einfach bei Volvo etwas Besonderes mit im Angebot sein sollte, lässt sich nicht herausfinden. Die 300 kW/408 PS Leistung, welche sich über alle vier Räder verteilt spielend mit dem leidigen Übergewicht eines Elektroautos dank fast endlosem Dampf nicht mehr herumärgert, ist einfach nur erfrischend und beschert ein gewisses Sportwagenfeeling im neuen Kapitel der Mobilität. Die beiden Permanentmagnet-Synchron-Elektromotoren liefern schlagartig mit einem Drehmoment von 330 Newtonmeter pro Stück ihre Leistung ab und so ist es gut, dass die Sitze der Sportlichkeit mit entsprechendem Halt entgegenwirken. Die beindruckenden Kräfte spiegeln sich auch in den Beschleunigungswerten wider. Den Sprint von 0 auf 100 absolviert der 2,2 Tonnen schwere Allradler in 4,9 Sekunden. Die Maximalgeschwindigkeit ist bei 180km/h abgeriegelt.

Der große 78 kWh Energiespeicher, welcher laut WTLP für bis zu 418 Kilometer Reichweite auslangen soll, leidet selbstverständlich je nach Herangehensweise unterschiedlich stark. Theoretisch reicht dieser für über 400 Kilometer, jedoch in der Praxis wird wohl eher eine drei oder gar eine zwei die Reichweitenangabe favorisieren. Der Testverbrauch pendelte sich bei rund 23-25 kWh pro 100 Kilometer ein, bei perekten Bedingungen wohlgemerkt. Also immer rechtzeitig einen Ladestopp einplanen, wobei eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Volvo und Google das Auffinden der nächsten verfügbaren Ladestation deutlich erleichtert.

Die erschöpften Speicher können dann an einer DC Ladestation von bis zu 150 kW geladen werden. Und dies laut Werksangaben von 10 auf 80 Prozent in lediglich 37 Minuten. Dies ist der schnellste Weg und auch annähernd mit der Realität vergleichbar. Selbstverständlich kann auch mit Wechselstrom, zum Beispiel zu Hause geladen werden, wobei hier deutlich mehr Zeit zur Verfügung stehen sollte.

Fahrverhalten: Sprinter mit Kurvenschwächen

Der Tritt auf das Strompedal sorgt für strahlende Gesichter, jedoch sollte nicht vergessen werden, um was für ein Fahrzeug es sich handelt. Der XC40 ist kein Sportwagen, nein er ist einfach zu schwer und die Physik lässt sich auch nur begrenzt mit elektronischen Helferlein, welche zur Sicherheit in Fülle verbaut sind, austricksen. Das gute, jedoch sehr weich abgestimmte Fahrwerk und die wohldimensionierten Bremsen (unterstützt durch die Rekuperation) lassen zusätzlich noch den Sicherheitsfaktor in die Höhe schnellen. Doch ein Kurvenräuber mit Sportwagengenen wird der Volvo niemals werden. Braucht es auch nicht, denn wenn der Vollzeitstromer mit ordentlich Bumms richtig eingesetzt wird, hat nicht nur die wohlbehütete Familie etwas davon, sondern auch der Papa wenn es mal alleine auf die Piste geht.

Zugfahrzeug? Jein.

Der XC40 bietet sich auch als Zugfahrzeug an. Die maximale Anhängelast beträgt beachtliche 1800 kg und ist somit für einen relativ schweren Einsatzbereich, wie Wohnwagen oder Pferdeanhänger geeignet. Jedoch Vorsicht, denn der Verbrauch steigt exorbitant. Im Test bei 90 km/h mit einem 850 kg Wohnwagen stand auf ebener Fahrbahn ein Verbrauch von 65 bis 70 kWh pro 100 Kilometer auf der Anzeige. Ein spannendes Kapitel, welches noch deutlich an Verbesserungspotential benötigt.

Fazit:

Alles, bis auf das weniger futuristische Auftreten hat der stärkste Volvo XC40 (pure electric) gemein mit anderen gut ausgestatteten Vollstromern. Deutlich unterscheidet er sich von der Konkurrenz mit besserer Materialwahl und einer nahezu unschlagbaren Preispolitik. Die beeindruckende Fahrleistung des Twin Antriebes verstärkt natürlich den Drang nach mehr Energieverbrauch und hinterlassen einen deutlich tieferen ökologischen Fußabdruck. Für längere Strecken würden wir eher zur Single-Motor Version raten, wobei mittels Schnelllade-Infrastruktur Abhilfe geschaffen wird.

 Das hat uns gefallen
  • Der kraftvolle Antritt
  • Das Platzangebot
  • Das riesige Panorama-Glasschiebedach

Das würden wir noch verbessern

  • Die Lufteinlässe
  • Den Praxisverbrauch
  • Die Reichweite

Factbox: Volvo XC40 Recharge Twin Pro Pure Electric

Motor/Antrieb

Motor: zwei Elektromotoren, Batteriekapazität 78 kWh (netto 75 kWh)
Leistung kW/PS: 300 kW/ 408 PS
Drehmoment: 660 Nm
Antrieb: Allrad
0-100 km/h: 4,9 Sekunden
V-Max: 180 km/h

Verbrauch/Umwelt

Werksangabe – kombiniert: 25,0-23,8 kWh/100 km
Gas-Junky-Test – Durchschnitt:  25,9 kWh/100 km
Reichweite nach WLTP: 400-418 km
Reichweite im Test: zwischen 280 km und 300 km

Ladedauer

Wallbox (AC), 3-phasig: ca. 8 Stunden
Öffentliche Ladestation: ca. 37 Min. (10-80%) bei ca. 150 kW

Bremsen/Felgen/Reifen

Bremsen: VA: Scheibenbremsen HA: Scheibenbremsen
Felgen/Reifen: VA: 235/50 R19; HA: 255/45 R19

Gewicht und Maße

Leergewicht: 2.188 kg
L/B/H: 4,425 m / 1,863 m / 1,652 m
Radstand: 2,702 m
Kofferraumvolumen: 419-1.295 Liter, 31 Liter Frunk

Preise

Volvo XC40 RechargePure Electric Single Motor zu haben ab: € 47.550,-
Volvo XC40 Recharge Pure Electric Twin Motor (Plus) zu haben ab: € 53.430,-
Preis des Testfahrzeugs: € 66.596,-

Sonderausstattung


Anhängerkupplung (semielektrisch) € 775.-
Feuerlöscher Halterung € 25.-
Außenfarbe Glacier Silver Metallic € 600
Leder Komfortsitze in Anthrazit, Teppich Anthrazit € 1.305.-
Seiten- und Heckfenster abgedunkelt (ab B-Säule) € 325.-

(c) Bilder: Sebastian Poppe