Praxistest: Abarth 595 Esseesse: Der Kurvenheld zum überschaubaren Geld

Zum 70-jährigen Firmenjubiläum lässt es Abarth so richtig krachen. Das könnte man wohl wortwörtlich nehmen, wenn man in unserem Fall den 595 Esseesse in der Parkgarage das erste Mal im kalten Modus anwirft.
Die serienmäßige Abgasanlage des slowenischen Produzenten Akrapovic lässt vermuten, dass gleich ein Supersportwagen um die Ecke biegt. Fehlanzeige!
Der putzige Cinquecento macht hier Krawall wie Supersportler, so sei zumindest der Gedanke so mancher Passanten, die über den historischen Hintergrund der Marke nicht Bescheid wissen.

Eine unglaubliche Historie! 

Beschäftigt man sich ein wenig mit der Geschichte der Marke, so wird man schnell merken, dass hier tatsächlich jede Menge Motorsport dahintersteckt.
Es handelt sich um Karl (Carlo) Abarth, der bereits in seiner Kindheit mit einer Seifenkiste den Nachbarskindern davonfährt. Später fährt er mit einem Seitenwagen-Gespann dem Orient Express auf einer Strecke von 1.370 Kilometer um die Ohren. Nach seiner Karriere im Auto- und Motorradbereich gründet er 1949 Abarth & C mit Guido Scagliarini. Das erste Fahrzeug ist der 204 A Roadster auf Basis des Fiat 1100, mit diesem wurde die 1100 Sport als auch die Formel 2 Meisterschaft gewonnen.
Bereits einige Jahre später hatte man 375 Angestellte und konnte 300.000 Abgasanlage pro Jahr produzieren.
In der 50er und 60er Jahren machte sich die Marke zum Synonym für Veredelung von Automobilen, Performance und Rennsport.

Was hat es mit dem Esseesse und dem Skorpion auf sich?

Und mit dieser legendären Geschichte im Hinterkopf bewegen wir nun den Abarth 595 Esseesse auf zahlreichen kurvigen Landstraßen des wunderschönen Weinviertels. Aber bevor wir den kleinen Giftzwerg durch die engen Kehren zirkeln fragt man sich bestimmt, was dieses nahezu unaussprechliche Wort bedeutet und was es mit dem Markenlogo auf sich hat, oder?
Esseesse steht für Supersport und der Skorpion ist das Sternzeichen des legendären Gründers, Carlo Abarth.

Traditionell in der Holzkiste geliefert…

Bereits in den 60er Jahren debütierte der erste Esseesse, dieser leistete 32 PS.
Als 2008 die neue Generation auf den Markt kam, war bereits ein Jahr später das esseesse-Tuning-Kit erhältlich, es wurde wie auch in den 60er Jahren in der legendären Holzkiste zu den offiziellen Abarth-Fachbetrieben geliefert. Atemberaubende 160 PS, Eibach-Tieferlegungsfedern und eine modifizierte Bremsanlage verwandelten den Kleinen zu einer Kanonenkugel.

Rennsport-Manier der Sonderklasse!

Und nochmals zehn Jahre später steigt die Leistung des 1,4-Liter Vierzylinder Turbobenziners auf exakt 180 PS an.
Die Serienausstattung umfasst eine erstklassige Akrapovic Abgasanlage mit Carbon-Blenden, eine leistungsstarke Brembo Bremsanlage, einen Luftfilter von BMC, eine Hinterradaufhängung mit Koni FSD, ein Sperrdifferential von D.A.M, Sabbelt Rennsportsitze mit Carbon-Heckschale und dem 70th Anniversary-Logo. Dieses ist auch seitlich an der Karosserie angebracht. Sowohl die 17-Zoll Leichtmetallfelgen, die Spiegelkappen als auch der seitliche Abarth Schriftzug glänzen in White-Finish.

Wie fährt sich der kleine Kurvenräuber?

Die Klein- und Kompaktwagen in der heutigen Zeit nahen sich natürlich immer näher an Ober- und der Luxusklasse heran. Zahlreiche Assistenzsysteme, jede Menge Dämmmaterial und Infotainment-Features, die meist nur mit einer stundenlangen Einschulung erlernt werden können (Abarth setzt weiterhin auf eine 7-Zoll Einheit, die ein wenig mühsam zu bedienen ist – deutlich smoother funktioniert es mit Apple CarPlay und Android Auto).
Somit ist es teilweise berechtigt, dass der Leistungszuwachs ebenso ansteigt, denn leichter werden diese fahrenden Hightech-Karren keineswegs.

Abarth agiert hier unserer Meinung deutlich cooler, denn mit knapp über einer Tonne Leergewicht würde der 595 Esseesse auch mit 130 PS erstklassig ums Eck biegen. Keine Chance. Die Tuningschmiede befeuern den 3,66 Meter Kleinwagen mit 180 Pferden und 250 Nm im Sportmodus, sodass man so manchen Kompaktraketen mit über 200 PS die ovalen Endrohre zeigt.

Es ist schon eine besondere Freud, wenn man den Krawallmacher im kurvigen Hinterland bewegt. Bereits auf Knopfdruck (Aktivierung des Sport-Modus) lässt Dich die Abgasanlage den Ernst der Sache wissen. Der Italiener spannt seine Muskeln an und sprintet im Bedarfsfall in nur 6,7 Sekunden auf Tempo einhundert.
Das Einlenkverhalten im Sportmodus ist um Welten besser, da hier auch die Rückmeldung präzisiert wird, dennoch würden wir uns davon noch ein Euzerl mehr wünschen.

Deutlich besser gefällt uns das gesteigerte Ansprechverhalten des Gaspedals, womit ab 3.000 U/min so richtig die Post abgeht – selbst auffrisierten Kompaktmodellen wird bei diesem Kurventanz der Drehschwindel treffen.
Abarth Fahrer verzichten hier auf eine medikamentöse Behandlung, die Sabbelt Rennsportsitze bieten erstklassigen Seitenhalt – der BMI-Faktor sollte stimmen, denn hier sitzt man wie im Schraubstock eingeklemmt, aber dank Frontsperre, die den Kurventango zur Paradedisziplin macht, geht das vollkommen in Ordnung.

Schade finden wir, dass man über keinen sechsten Gang verfügt und die Nummer fünf länger übersetzt hat, aber das sind Sorgen der Kurvenhelden.
Schließlich hätte man auch die Möglichkeit mit dem 595 Esseesse zu verreisen, denn am Kofferraumvolumen scheitert es keinesfalls, eher am Tankvolumen von lediglich 35 Liter. Mit 7,8 Liter pro 100 Kilometer würde man sich schon einige Espressi beim Tankstopp genehmigen.

Apropos genehmigen: Darüber hinaus hätten wir uns noch mit einem Beats-Audiosystem zudröhnen lassen können, doch dies hat schon die erstklassige Klangnote der zweiflutigen Abgasanlage erledigt. Die Kaltstarts am Morgen mögen das Nachbarschaftsverhältnis wohl ein wenig trüben, aber ein Sackerl Ohropax linderte die angespannte Stimmung in Windeseile.

Fazit:

Nicht nur der 70. Geburtstag der Marke sondern auch der hohe Fahrspaß des Giftzwergs sollte gefeiert werden. Sowohl der Klang als auch die hohe Präzision des Fahrzeugs in engen Kehren sind erstaunlich. Auch die legendäre Geschichte der Marke hat uns beeindruckt, denn Carlo Abarth war mit Liebe am Werk und konnte damit großes bewegen!

Was uns gefällt:

Die erstklassige Abgasanlage (serienmäßig!!)
Das perfekte Rennsport Gestühl
Die sensationellen Fahrleistungen

Was wir noch verbessern würden:

Dem Getriebe einen sechsten Gang spendieren
Das Einlenkverhalten noch etwas präzisieren
Einen größeren Kraftstofftank (35 Liter derzeit)

 

Technische Daten – Abarth 595 Esseesse

Motor / Antrieb

Motor: Vierzylinder-Ottomotor mit Turboaufladung, vorne quer
Hubraum: 1.368 ccm3
Leistung  kW /PS: 132 kW / 180 PS bei 5.500 U/min
Drehmoment: 230 Nm / 250 Nm (Sportmodus) bei 2.500 U/min.
Antrieb: Front
Getriebeart: 5-Gang Schaltgetriebe
0-100 km/h: 6,7 Sekunden
V-Max: 225 km/h

Verbrauch / Umwelt

Werksangabe kombiniert:  7,8 /100 km (nach WLTP)
Gas-Junky-Test – Durchschnitt l/100 km: 7,5
CO2 Emissionen: 171 g/km (nach WLTP)

Fahrwerk / Reifen / Bremsen

Bremsen:
VA:
 Bremsscheiben innen belüftet und gelocht, HA: Bremsscheiben innenbelüftet
Felgen / Reifen:
VA + HA: 205/40 ZR17

Gewicht und Maße

Leergewicht: 1.090 kg
L/B/H: 3,660 / 1,627 / 1,485 (Meter)
Radstand: 2,300 m
Kofferraumvolumen: 185-550 Liter
Tankinhalt:
 35 Liter
Kraftstoff: 
Super 95

Preise

Abarth 595 zu haben ab (145 PS) zu haben ab: 22.590 €
Abarth 595 Esseesse zu haben ab: 
32.190 €

(c) Bilder: Gas Junky, Sebastian Poppe & Flo Richter