Erinnern wir uns zurück an den Golf R32, das stärkste Modell der vierten Golf Generation mit dem legendären 3,2-Liter Sechszylinder V6-Saugbenziner mit 241 Pferden. Klar, ist dieses Modell im Vergleich zum aktuellsten R-Modell eine lahme Krücke gewesen, man darf aber nicht vergessen, dass hier 20 Jahre Automobil-Geschichte dazwischenliegen.
Wobei hier eher das Gänsehaut-Feeling durch die unverwechselbare Klangkulisse des legendären Sechsenders ausgelöst wurde, wir träumen heute noch von der Testfahrt im Zuge des GTI-Treffens und würden uns sofort ein Exemplar zulegen, wenn wir über das nötige Kleingeld verfügen würden. Auch bei der fünften Golf-Generation hat dieses Aggregat in der Topversion nochmals Einzug gefunden und jede Menge Fahrfreude erweckt.
Bereits in sechster Generation schlummerte im R-Modell erstmals ein Zweiliter-Turbobenziner mit 271 PS, die Fahrleistungen des Power-Allradlers aus Wolfsburg konnten dank Turbotechnik deutlich gepusht werden.
Mit Generation Nummer sieben konnte die 300 PS Marke gebrochen werden, womit man sich im Konkurrenzkampf keinesfalls verstecken musste.
Und nun nehmen wir bereits in der achten Generation der Kompaktrakete der Wolfsburger auf sportlichen Gestühl Platz, die Rede ist von 320 PS, 420 Nm (ab 2.100 U/min bis 5.350 U/min) und einer neu entwickelten Allradtechnik. Genießen wir also die Eindrücke des stärksten Golf R aller Zeiten, bevor auch dieser an die Steckdose gebeten wird.

Interieur: Infotainment mit jeder Menge Kritik!

Sind wir froh, dass es sich bei einem Fahrzeug dieser Klasse nicht ausschließlich um die intuitive Bedienung des Infotainment-Systems handelt. Wie bereits in anderen Konzernprodukten bzw. auch der Basisversion des Golf 8 muss man sich erstmal zurechtfinden, um annährend ans Ziel zu gelangen und dies zählt nicht nur für die Navigation.
Die zahlreichen Funktionen sind ausschließlich mittels Touch-Befehlen auf dem 10-Zoll großen Bildschirm zu erreichen, simpler geht dies von der Hand, wenn man über die Sprachsteuerung die Funktionen abruft.
Auf holprigen Straßen kann es also passieren, dass man ungewollt das Gebläse auf volle Stufe programmiert oder gar das Radio auf doppelter Lautstärke spielen lässt und so die optionale Harman Kardon Anlage testet – klar performt diese mit Disco-ähnlicher Manier.
Aber kommen wir auf den Punkt: Die derzeitige Infotainment-Lösung ist kaum bis gar nicht benutzerfreundlich gestaltet und lenkt (besonders ohne Vorkenntnisse) im Alltag deutlich vom Verkehrsgeschehen ab, darüber hinaus arbeitet das System meist auch sehr zeitverzögert.
Dass der Slider für die Medien Lautstärke als auch für die Temperatureinstellung nicht beleuchtet ist, stößt besonders bei Fahrten abends bzw. nachts sauer auf.

Deutlich positiver empfinden wir die verlängerten Schaltpaddles, wobei das Siebengang-DSG ohnehin gute Arbeit leistet, sodass man sich Eingriffe meist ersparen kann.
Über das sehr aufgeräumte Cockpit kann man natürlich streiten, denn außer dem griffigen Sportvolant und den Sporthockern verspürt man auf den ersten Blick nicht wirklich große Emotionen, die blauen Akzente bilden hier schon die größte Show.
Über das Sportlenkrad erfolgt nun erstmals die Modi-Wahl – bei stärkerem Druck gelangt man sofort in das Race-Profil, wo der neue Golf 8 R seine Muskeln komplett anspannt.
Über die Kopf- und Beinfreiheit, das Kofferraumvolumen als auch über die Materialwahl darf man jedenfalls nicht jammern, denn hier haben die Wolfsburger beim Golf 8 R gute Arbeit geleistet.
Sehr sexy springt auch der Feuerlöscher unter dem Beifahrersitz ins Auge, man merkt also, dass der neue Golf 8 R erneut eine sehr große Spreizung zwischen Kompaktrakete und Alltagssportler erfüllt und gerade diese Disziplin zeichnet den Wolfsburger über Jahrzehnte aus.

Allradtechnik überarbeitet: Zusätzliche Dynamik und auch Drifts garantiert!

Apropos sexy: Die Ingenieure haben nicht nur an der Leistungssschraube des EA888 evo4 Aggregats gedreht, auch der Allradantrieb bekam sozusagen ein Technik-Upgrade spendiert. Es ist die Rede von dem sogenannten R-Performance Torque Vectoring – es werden also die Kräfte nicht nur zwischen den Achsen, sondern ebenfalls zwischen den beiden Hinterrädern verteilt, wodurch man noch mehr Agilität spendiert bekommt, den Kurvenradius verkleinert und das klassische Untersteuern beinahe verschwinden lässt.

Außenkleid und Fahrverhalten: Unglaubliche Querdynamik und dank optionaler Abgasanlage ein großes Konzert!

Darüber hinaus bekommt man mit dem optionalen R-Performance Paket einen größeren Heckspoiler, 19-Zoll Räder sowie zwei zusätzliche Fahrmodi spendiert, außerdem wurde auch die V-Max auf 270 Sachen angehoben.
Das mag von außen gar nicht so spektakulär aussehen – für uns ist es eben der Golf im Schafspelz – sozusagen ein Auto für alle Fälle, das den Konkurrenzkampf zwischen den Kompaktraketen noch spannender ausfallen lässt.
Aber zurück zu den Fahrmodi: Mit dem Special-Mode ist natürlich das Nürburgring-Profil gemeint. Immerhin hat der neue Golf R den legendären Rundkurs um 17 Sekunden flotter (in nur 7:51 Minuten) bestritten als sein Vorgänger.
Wir waren nicht ganz um diesen Rekord flotter beim Bäcker in der Nebenortschaft und haben auch nicht – den ebenfalls im R-Performance Paket integrierten – Drift Modus getestet.
Fest steht jedenfalls, dass sich der neue Golf R deutlich dynamischer im Vergleich zu seinem Vorgängermodell bewegen lässt, ohne großartig an seiner hohen Alltagstauglichkeit verloren zu haben.
Die optionale, sündteure Abgasanlage vom slowenischen Spezialisten erweckt besonders im Sport- und Racemodus zusätzliche Emotionen.
Der schnellste Golf aller Zeiten liefert schon eine große Show ab, wenn die Pops & Bangs beim Lastwechsel oder beim Lupfen des Gaspedal erklingen.
Ein kaum vorstellbares Konzert liefern die vier Titan-Trompeten des Kompaktsportlers im Zuge des Launch Control Starts ab – wenn es dann in nur 4,7 Sekunden auf Tempo einhundert geht und man beinahe schon zittert, dass alle Viere den Asphalt zerreißen.

Der Golf R schüttelt diesen Sprint aus dem Ärmel und spendiert uns einen riesigen Grinser, denn diese Fahrwerte sind für einen Kompaktsportler schon grenzgenial.
Aber nicht nur beim Sprint auf der Geraden stellt der Wolfsburger seine Skills unter Beweis, auch im kurvigen Hinterland zeigt der neue Golf R, dass er je nach Wunsch des Lenkers auch in puncto Querdynamik keine Wünsche offenlässt, er differenziert sich dann schon deutlich vom traditionellen GTI – auch in der Preispolitik.
Das Sportfahrwerk bietet mit der optionalen, adaptiven Dämpferregelung ein breites Spektrum zwischen sportlichen Komfort und einem straffen Racing-Setup, welches besonders in engen Kurven mit hoher Querdynamik und erstklassiger Traktion überrascht. Spannend hierbei ist, dass natürlich auch der neue Fahrdynamik-Manager innerhalb von Sekundenbruchteilen die Parameter berechnet und somit die Dämpferregelung nochmals optimiert.
Deutlich direkter fühlt sich auch die Lenkung des Golf R an, hier setzen die Ingenieure auf eine sogenannte Progressivlenkung. Demnach ist das direktere Einlenkverhalten je nach Fahrsituation simpel zu erklären.
Um den allradgetriebenen Wolfsburger wieder zu stoppen packt eine 18-Zoll große Bremsanlage mit nahezu Familienpizza-förmigen Bremsscheiben (357×34 mm) zu. Hier gibt es nichts zu meckern, kein Fading, kein ziehen der Lenkung – eben erstklassige Entschleunigung und dies auch bei höheren Tempi.

Fazit:

Mit dem neuen Golf R 8 haben die Wolfsburger deren Erfolgsmodell im Innenraum völlig digitalisiert. Dies mag Technik-Freaks großes Kino bieten, im Alltag schwächelt es mit zeitverzögerter Verarbeitung der Befehle und versteckten Menüpunkten, die für Ablenkung sorgen.
Dafür punktet der Power-Golf mit einem sehr hohen Dynamik-Level dank des neuen Allradsystems und dem Fahrdynamik Manager. Außerdem werden die Fans dankbar sein, dass man trotz des Sportemblems keinesfalls auf die Alltagstauglichkeit vergessen hat. Denn im Fall der Fälle lässt es der Golf R so richtig poschen, hier kann dann nur mehr der RS3 Konkurrenz leisten.

Was uns gefällt:

  • Das neuentwickelte Allradsystem
  • Die gesteigerte Performance im Vergleich zum Vorgänger
  • Der Klang der optionalen Auspuffanlage

Was wir noch verbessern würden:

  • Die Bedienung des Infotainments
  • Die zahlreichen, optionalen Features in Pakete packen
  • Dem nächsten Modell nochmals einen Verbrenner spendieren

Factbox: VW Golf R TSI 4Motion DSG 4-türig

Motor/Antrieb

Motor: 4-Zylinder Ottomotor, vorne quer
Hubraum:  1.984 ccm
Leistung kW/PS: 235 kW / 320 PS
Drehmoment:  420 Nm zwischen 2.100 U/min und 5.350 U/min
Antrieb: Allradantrieb
Getriebeart: 7-Gang DSG
0-100 km/h: 4,7 Sekunden
V-Max:  270 km/h

Verbrauch/Umwelt

Werksangabe – Stadt/Land/kombiniert l/100 km: 7,7 – 8,3 l/ 100 km
Gas-Junky-Test – Durchschnitt l/100 km: 9,5
CO2 Emissionen/Abgasnorm:  176 – 188 g/km Euro 6d-TEMP

Bremsen/Felgen/Reifen

Bremsen: VA: Scheibenbremsen (innenbelüftet, gelocht) HA: Scheibenbremsen (innenbelüftet)
Felgen/Reifen: 8Jx19 / 235/35 R19

Gewicht und Maße

Leergewicht:  1.551 kg
L/B/H : 4,290 m /1,789 m / 1,458 m
Radstand: 2,628 m
Kofferraumvolumen: von 374– bis 1.230 Liter
Tankinhalt:  55 Liter
Kraftstoff: Super Plus

Preise

Golf R TSI 4Motion DSG 4-türig zu haben ab: € 54.436
Preis Testfahrzeug inkl. NoVA und MWSt: € 72.078,10

Sonderausstattung
Farbe : Lapiz Blue Met. € 822,15

Adaptive Fahrwerksregelung DCC € 1.119,15

Businesspaket Pro iVm Soundsystem € 1.431

Design-Paket „Black Style“ € 375,30

Fahrerassistenz-Paket € 738,45

IQ.LIGHT – LED-Matrix-Scheinwerfer € 1.044,90

Lederpaket “Nappa” € 3.133,35

Proaktives Insassenschutzsystem iVm € 168,75

R-Perfomance-Abgasanlage € 4.110,75

R-Performance-Paket € 2.450,25

Rückfahrkamera “Rear View” € 348,30

Schlüsselloses Schließ- und Startsystem € 476,55

Soundsystem „Harman Kardon“ € 729

Telefonschnittstelle „Comfort“ € 498,15

Vorbereitung Mobiler Schlüssel € 299

VW Garantie 5 Jahre 100.000 km € 299

– NoVA Bonus gemäß §6a – € 350

(c) Bilder: Sebastian Poppe