Honda Civic Type R –
Mr. Incredible

Wer schon jemals einen Honda gefahren hat, eigentlich ziemlich egal welchen, der kennt die seit jeher sportlich ausgelegte Abstimmung, die sich auf den ersten Metern sofort widerspiegelt. So manche Fachzeitschriften haben es sich zur Aufgabe gemacht, stets das härtere Fahrwerk oder die oft benötigte höhere Drehzahl zu kritisieren. Aber so ist es nun mal mit dem Japaner aus dem Hause Honda. Dynamik, Sportlichkeit und Perfektion, waren immer schon Kriterien, welche ein solches Fahrzeug ausmachten.

Kein Wunder, denn der einstige Gründer der Marke – Sōichirō Honda begann schon mit 22 Jahren, im Jahre 1928 an diversen Autorennen teilzunehmen. Obwohl erst Anfang der Sechziger, Honda die ersten eigenen Automobile produzierte, war der Racing-Spirit, welcher Sōichirō stets in seinem Herzen trug, immer vorhanden und fand sich so auch in den Modellen wieder.

Ab den Achtziger Jahren war dann die sportliche Dominanz nicht mehr aus den Fahrzeugen wegzudenken. Ende der Achtziger bis in die frühen Neunziger dominierte Honda sogar die Formel eins. Zu dieser Zeit brachte Honda auch sein allererstes Type R Modell, welches gemeinsam mit Ayrton Senna entwickelt wurde, auf den Markt. Der NSX Type R.

Type R – Ein sportliches Auto noch sportlicher machen

…besser gesagt, sportlich – perfekt – zu machen.
Das war es, was Sōichirō Honda mit jedem Type R- Modellen anstrebte.
Die 5. Honda Civic Type R Generation basiert auf der 10. Civic Generation. Mit diesem Fahrzeug hat sich Honda ganz weit aus dem Fester gelehnt. Vor uns steht ein Honda, in welchen unendlich viel Entwicklungsarbeit gesteckt wurde, nur um aus ihm den schnellsten Fronttriebler aller Zeiten zu machen.

Ich sage dazu nur so viel – UNGLAUBLICH, aber dies hat man bei Honda kompromisslos und mit Perfektion umgesetzt!

Ich durfte schon so einige Kompaktraketen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien fahren. Dennoch muss man eigentlich „erschreckenderweise“ sagen, dass im Vergleich zum aktuellen Honda Civic Type R und den anderen Kompaktsportlern, Welten liegen. Einen fairen Vergleich mit einem anderen Fronttriebler könnte man in dieser Kategorie nicht ziehen, da es für dieses Auto in dieser Klasse, aktuell keine Konkurrenz gibt – zumindest, wenn es sich um die Performance oder den Rundenrekord auf diversen Rennstrecken handelt.

Übertriebene Rennsportoptik oder muss das wirklich so sein?

Mal von vorne, mal von hinten, mal seitlich, von oben, ja sogar von unten… Egal von welchen Blickwinkel man die Samurai-Rakete betrachtet, es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Spoiler hier, Spoilerchen da, Sicken, Kanten, Lufteinlässe, Luftkanäle, Windströmunsstabilisatoren, Diffusor und noch viele andere Details. Jeder Tuningfreak, fällt hier auf die Knie, zieht den eventuell vorhandenen Ehering ab, steckt ihn unauffällig in die Tasche und schwärmt – auf den Knien natürlich – drauf los.

Doch ist es wohl gerade die Optik, welche die Gemüter spaltet. Wir haben mit vielen Leuten über den Type R gesprochen und die Mehrheit empfindet ihn als übertrieben oder sogar hässlich. Gut, okay – über die dreiflutige Auspuffanlage könnte man wirklich ein wenig diskutieren…

Meine persönliche Meinung dazu ist dennoch ganz einfach. Ein Rennwagen braucht diese Dinge – ohne all dies, wäre ein Rennauto kein Rennauto. Und Honda hat hier einen waschechten Rennwagen mit Straßenzulassung konzipiert. Alles – wirklich alles an diesem Wagen hat Sinn und ist keine Show-Einlage. Selbst den Unterboden hat man mit speziellen Verkleidungen versehen um Windwiderstände zu verringern und die Strömungseffizienz zu verbessern. Der Heckspoiler gefällt Ihnen nicht? Tja – dennoch steckt auch hier enorme Entwicklungsarbeit dahinter. Der Honda Civic Type R ist nämlich der einzige Kompaktsportwagen, der tatsächlich Abtrieb produziert – wie eben auch ein Rennwagen für den Rundkurs.
Darum: JA, das MUSS wirklich so sein!

Übersichtliches Rennsport-Interieur

Das Cockpit des rennsporttauglichen Kompakt-Japaners gestaltet sich äußerst übersichtlich. Ja fast schon schlicht, wenn man sich seine Vorgänger so ansieht. Geschwindigkeitsanzeige und Drehzahlmesser liegen beide mittig in der Tachoeinheit. Dies sorgt für eine gute Übersicht und ist schnell abzulesen. Die Features des Bordcomputers lassen sich gleich darunter einstellen. Hier gibt es unzählige Einstellungsmöglichkeiten und Infos, wie Durchschnittsverbrauch, Schaltanzeige, Ladedruck, G-Kräfteverteilung, Stoppuhr und vieles mehr. In der Mittelkonsole befindet sich das 7-Zoll-Touchdisplay, über welches man die Einstellungsmöglichkeiten in Bezug auf Info- und Entertainment, sowie Navigation vornimmt. Einen Kritikpunkt muss ich hier dennoch anmerken: Es nervt tierisch nach jedem Start am Touchdisplay die Bedingungen mit einem O.K. akzeptieren zu müssen. Tut man das nicht, bleibt der Bildschirm „schwarz“.
Das Gleiche gilt auch für die Start-Stopp-Automatik und den etwas sehr sensibel eingestellten Kollisionswarner. Nach jedem Neustart des Civic muss man diese erneut deaktivieren, das nervt.

Das Wichtigste für den (Renn)-Fahrer sind jedoch Sitzergonomie und das griffige Volant. Die roten Schalensitze mit schwarzen Applikationen sehen nicht nur in ihrem Design gut aus, sie sind es auch in ihrer Funktion. Nebenbei bemerkt,  es sind die leichtesten „Stühle“, welche je in einem Type R verbaut wurden. Das Lenkrad ist griffig, liegt gut in der Hand, nur die Materialwahl der Lenkradtasten wird man beim Facelift dann hoffentlich mit mehr Liebe zum Detail nachbessern. Diese erinnern einem immer noch an irgendwelche Überbleibsel aus der Lego-Fabrik.

Im Großen und Ganzen ist die Materialwahl jedoch schon auf sehr hohem Niveau angesiedelt – kein Vergleich zu den Vorgängern. Mit der 5. Civic Type R- Generation ist man hier ein großes Stück weiter aufgestiegen.

Klagte man bei den Vorgängermodellen auch sehr über die Rundumsicht, so haben die Japaner die Kundenwünsche ernst genommen und sorgen beim aktuellen Modell für eine Straßensicht von 84,3 Grad. Damit ist die Kompaktrakete übrigens Spitzenreiter in seiner Klasse!

In der zweiten Sitzreihe geht es beinahe genauso gemütlich zu, wie in der ersten, einzig und alleine misst man ein wenig den Seitenhalt. Generell muss man erwähnen, dass das Platzangebot im Civic Type R einmalig ausfällt. Genauso gut kann man den Sushi-Flitzer auch als tägliches Shoppingmobil missbrauchen oder gemütlich zu viert in den Urlaub flitzen. Hier ist einfach Platz ohne Ende. Vor allem das letze Abteil, der Kofferraum kann sich sehen lassen. Ganze 492 Liter fasst dieser bis zum Dachhimmel. Klappt man die Rücksitze um, so kommt man sogar auf satte 1.209 Liter Ladevolumen.

Und wie fährt sich nun ein Rennwagen?

…eigentlich genauso wie man es sich wünscht. Verblüffender Weise sogar noch ein wenig besser. Klar kann man den Type R auch als schnöden „Daily Driver“ gebrauchen. Dank des adaptiven Fahrwerks mit diversen Modis: Comfort, Sport und +R – kann man das Fahrzeug je nach Bedarf anpassen. Auf Knopfdruck ist er also kein „brettlhartes“ Ungetüm mehr, sondern ein zahmer japanischer Kompaktwagen, welcher Straßenunebenheiten gekonnt „wegbügelt“.
Wunderbar, dass es dieses Feature gibt, vor allem jetzt in der Vorweihnachtszeit, nach all dem vielen Feiern und Buffetschlachten kann man hier seinem Magen am Heimweg etwas Gutes tun.

Doch richtig Spaß machen tut der Type R natürlich im +R Modus. Nun ist alles auf Rennsport getrimmt und das merkt man mit jedem Meter, welchen man den Japaner über den Asphalt jagt.
Eine filetiermesserscharfe Gasannahme, eine perfekt abgestimmte Servolenkung und ein 6-Gang-Schaltgetriebe welches knackiger ist, als jeder steirische Apfel. Sorry liebe Apfelbauern, aber da kommt kein Apfel ran.

Honda macht es einem zusätzlich leicht, sich nur auf das Fahren zu konzentrieren, da Zwischengasstöße beim Herunterschalten automatisch erfolgen. Somit steht immer gleich die passende Drehzahl bereit, dies wiederum eliminiert jegliches Turboloch, welches auch nie vorhanden war. Egal, ob bei 2.000 Umdrehungen oder bis zum Begrenzer, der bei 7.000 ansteht. Es gibt einfach keinen Leistungseinbruch.
Hier spielt allerdings auch Hondas geniales VTEC-System (Variable Timing and Lift Electric Control) eine große Rolle. Es variiert nämlich den Ventilhub und kann so die Drehmomentverzögerung, was wir unter Turboloch kennen, mittels erhöhtem Abgasdruck bei niedrigen Drehzahlen reduzieren, während bei höheren Drehzahlen mehr Leistung generiert werden kann. Ein einmaliges System, welches sich schon Anfang der Neunziger bei Hondas Saugmotoren mehr als bewährt hat.

Auf das Fahrwerk, beziehungsweise das Handling, des Type R möchte ich eigentlich gar nicht großartig eingehen. Es sei gesagt, dass es aktuell mit Sicherheit nichts besseres in einem Kompaktsportler gibt. Die Type R – Challenge 2018 hat es ja schon vorgemacht. Fünf Rennstrecken und fünf Mal fuhr man mit dem Serienfahrzeug einen Rundenrekord für frontgetriebene Fahrzeuge.

Auch in puncto Bremsen haben die Japaner aufgerüstet. 4-Kolben, 350 mm gelochte Scheiben an der Vorderachse und 305 mm Scheiben an der Hinterachse aus dem Hause Brembo sorgen stets für die Verzögerung, welche man benötigt – ganz ohne Ermüdungserscheinungen, egal wie oft man hier in die „Eisen“ latscht.

Auch der Spritverbrauch hat uns ehrlich gesagt überrascht. Honda gibt hier 7,7 Liter im Schnitt an – bei normaler Fahrweise, sogar im +R Modus, kamen wir auf 8,3 Liter in Kombination Stadt, Autobahn und Überland. Ein wirklich respektables Ergebnis, welches man allerdings komplett außer Acht lassen kann, sofern man dem „Bleifußrausch“ verfällt, da sind dann auch über zehn Liter möglich.

Zum allerersten Mal gibt es im heiß umkämpften Image-Markt der Kompaktsportler, welcher zum Teil auch oft die „Aushängeschilder“ vieler Hersteller symbolisiert, einen haushohen Favoriten. Diesen Honda Civic Type R in puncto Performance zu toppen, wird wohl eine verdammt harte Nuss für die Konkurrenz werden. Ich bin jetzt schon gespannt, ob diese geknackt werden kann.

Mein FAZIT:

Was mich begeistert:
Die Performance dieser Kompaktrakete
Der Spagat des adaptiven Fahrwerks
Diese einzigartige Optik

Was ich mir noch wünschen würde:
Der sensible Abstandswarner
Wertigere Materialwahl der Lenkradtasten
Dauertest-Termin

Technische Daten – Honda Civic Type R 2.0 VTEC TURBO:

Motor / Antrieb

Motor: 4 Zylinder Reihe, Direkteinspritzer, Abgasturbolader mit variabler Geometrie, Steuerkette, zwei obenliegende Nockenwellen mit variabler Ventilsteuerung
Hubraum / Verdichtung: 1.996 ccm3 / 9,8:1
Leistung  kW /PS (Gesamt): 235 kW / 320 PS bei 6.500 U/min
Drehmoment: 400 Nm bei 2.500 – 4.500 U/min
Antrieb: Frontantrieb
Getriebeart: 6-Gang Manuell mit automatischer Drehzahlanpassung
0-100 km/h: 5,7 Sekunden
V-Max: 272 km/h

Verbrauch / Umwelt

Werksangabe – Stadt/Land/kombiniert, l/100 km: 9,8 / 6,5 / 7,7
Gas-Junky-Test – Durchschnitt l/100 km: 9,0
CO2 Emissionen: 176 g/km Euro 6d-TEMP

Fahrwerk / Reifen / Bremsen

Vo. Achse: Einzelradaufhängung, MacPherson-Federbeine
Hi. Achse: Einzelradaufhängung, Mehrlenkerachse, Adaptives Dämpfersystem
Bremsen:
VA:
350 mm Innenbelüftete, gelochte, Scheibenbremsen;
HA: 305 mm Scheibenbremsen
Felgen / Reifen: Vorne 245/30 R 20, Hinten: 245/30 R 20

Gewicht und Maße

Leergewicht: 1.380kg
L/B/H: 4,557 / 1,877 / 1,434 (Meter)
Radstand: 2,699m
Wendekreis: 11,78m
Kofferraumvolumen: 492 bis 1.209 Liter
Tankinhalt:
46 Liter
Kraftstoff:
Super Plus

Preise

Honda Civic zu haben ab: 20.990,- € (S 1.0 VTEC TURBO)
Basispreis Honda Civic Type R 2.0 VTEC TURBO:
40.990,- €
Preis Testfahrzeug inkl. NoVA und Mwst: 47.235,- €

Sonderausstattung:

Championchip White Lackierung: 545,- Euro

 

 

(c) Fotos: Sebastian Poppe, Philipp Mozga