Alfa Romeo Giulia Modelljahr 2020 Praxistest: Die inneren Werte zählen!

Bereits seit 2016 findet man in der Modellpalette des italienischen Herstellers die Mitteklasse-Limousine, welche die bayrische Konkurrenz in vielen Punkten hinter sich lässt.
Für den größten Eintrag im Lastenheft sorgte bisher das Infotainment-System, welches nicht ganz so zügig reagierte, außerdem schien die Bedienung nicht immer ganz logisch.
Bevor wir nun auf die einzelnen Elemente der neuen Infotainment-Lösung von Marelli eingehen, müssen wir die Italiener bereits vorab loben – denn sie springen nicht auf den Zug der volldigitalisierten Tachoeinheit auf. Hier spalten sich natürlich die Meinungen, aber die teilweise Digitalisierung passt solch sportlichem Fahrzeug unserer Meinung viel besser und weckt auch mehr Emotionen.

Weitgehende Überarbeitungskur des Infotainmentsystems

Serienmäßig befindet sich nun ein 17,8 Zentimeter (sieben Zoll) großer TFT-Bildschirm zwischen analogem Drehzahlmesser und Tacho. Dessen Grafik wurde überarbeitet, womit eine bessere Übersicht der Fahrdaten als auch des Assistenzsysteme für autonomes Fahren vermittelt wird.
In der Mittelkonsole verfügt man nun über einen Monitor mit 22,3 Zentimeter (8,8-Zoll), dieser ist nicht nur mit dem Dreh- und Drückregler bedienbar, sondern auch über Touch-Befehle. Sogenannte Widgets können mittels Drag-and-Drop je nach Geschmack konfiguriert werden.
Sowohl Grafik, Reaktionsfreudigkeit als auch Bedienlogik wurde deutlich verbessert. Obwohl man das Infotainment-Display nun wie ein Smartphone oder Tablet mit den klassischen Wischfunktionen bedienen kann, nimmt man gerne während der Fahrt den Dreh- und Drückregler und mausert sich damit durch die zahlreichen Untermenüs.
Apropos Untermenüs: Die Klimaeinheit behält ihre Drehregler bei und auch die Start-/Stopp Automatik kann man noch auf Knopfdruck deaktivieren.

Die Liebe und Sportlichkeit zum Detail 

Sehr nobel finden wir, dass der Wahlhebel mittels Alu-Optik eingerahmt wurde und man an der Hinterseite die italienische Flagge anbrachte. Unser Lieblingsfeature der Giulia bleibt ganz klar der Start-Button am Sportvolant.
Darüber hinaus gefällt die verbesserte Haptik des Interieurs, womit man der deutschen Konkurrenzprodukte kaum noch Spielraum lässt. Liebe zum Detail soweit das Auge reicht!

Als kleines Manko am Rande würden wir die adaptive Ladestation bezeichnen, denn diese lässt das Smartphone in Richtung Mittelarmlehne verschwinden und weist nicht nach dem abstellen des Motors darauf hin, dass das Smartphone noch in dieser liegt.

Exterieur beinahe unberührt

Das Außenkleid der Giulia ließen die Designer beinahe unberührt, wobei wir das nicht als negativen Aspekt betrachten. Die Front wird klassisch in der V-Form gehalten, links und rechts zieren große Lufteinlässe den Grill. Schade finden wir, dass man in der Basis-Version mit Xenon-Scheinwerfer und die höheren Ausstattungslinien mit Bi-Xenon-Technik ausstattet, man könnte zumindest gegen Aufpreis Voll-LED Scheinwerfer anbieten.
Hingegen für großes Aufsehen die Heckpartie mit den zweigteilten Rückleuchten und den sehr gelungenen Sicken und Kanten sorgt. Außerdem verfügt man über KEINE Fake-Auspuffblenden, aus der zweiflutigen Abgasanlage mit ovalen, schwarzen Blenden kommen tatsächlich noch Abgase durch. Sehr schick finden wir außerdem den schwarzen Modellschriftzug, welcher die dynamisch gezeichnete Heckpartie nochmals agiler wirken lässt.

Fahren oder fahren lassen?

Mit dem neuen Modelljahr erweiterte man auch das Programm der Assistenzsysteme, womit man die Giulia autonom auf Level zwei fahren lässt. Sprich die Steuerung von Lenkung, Gaspedal und Bremse wird vom Fahrzeug übernommen – dies geschieht über zahlreiche, elektronische Assistenzsysteme, dennoch muss der Fahrer die Hände am Volant lassen.

Müdigkeits-, Stau-, Autobahn-, Spurhalte,- Aktiver-Totenwinkel-Assistent und einen adaptiven Tempomaten stellen die wichtigsten Helferlein dar.
Diese Assistenzprogramme leisten auch großteils hervorragende Arbeit, dennoch wird man diese Features nur auf längeren Autobahn-Etappen einsetzen.

Am Weg durch das wunderschöne Weinviertel auf kurvigen Strecken würde man am liebsten jeden einzelnen Helfer deaktivieren. Die Ingenieure haben in puncto Fahrdynamik nur minimal nachgebessert, da das Modell bereits vor der Überarbeitungskur die dynamische Linie intus hatte.

Unter der Haube der Testversion werkte der Einstiegsbenziner mit 200 PS, gekoppelt an eine 8-Gang-Wandlerautomatik.
Bereits im unteren Drehzahlbereich wird man mit reichlich Drehmoment (330 Nm, ab 1.750 U/min.) verwöhnt – die Gangwechsel erfolgen flott, dennoch kaum spürbar, zumindest im „normalen“ Fahrmodus.
In nur 6,6 Sekunden wandert die Tachonadel auf Landstraßentempo, die Hinterräder sorgen bei trockenem Untergrund für reichlich Grip.
Mittels DNA-Fahrmodi-Schalter holt man aus dem ohnehin schon gut im Futter stehenden Turbobenziner nochmals mehr Dynamik – die Gasannahme wird deutlich geschärft, die Dämpfer verfügen über eine härtere Kennlinie, die Lenkung wird deutlich direkter und die Automatik schnalzt die Gänge verdammt flott hinein – dennoch ohne Dir eine ins Kreuz zu hauen.

Sehr schade finden wir, dass man die ESP Eingriffe nur mittels DNA-Regler ein wenig entschärfen kann, aber die elektronische Hilfe nicht komplett deaktivieren kann. Außerdem genehmigt sich der 2,0-Liter-Einstiegsbenziner bei sportlicher Fahrweise knapp zehn Liter.
Hingegen man die tiefe Sitzposition als auch den erstklassigen Seitenhalt der Vollledersitze sehr loben muss.

Fazit:

Mit dem neuen Modelljahr der Giulia hat man das größte Manko, nämlich die inneren Werte verbessert – sowohl Infotainment-Einheit als auch die Haptik überzeugen in jeglicher Hinsicht.
In puncto Fahrverhalten und Liebe zum Detail würden wir die Mittelklasse-Limousine in eine eigene Klasse einstufen. Sie sticht aus dem Verkehrsgeschehen heraus und überzeugt speziell auf kurvigen Strecken. Die Kombination aus längseingebautem Aggregat und Hinterrad-Antrieb sollte auch in der nächsten Generation beibehalten bleiben. Schade finden wir, dass das ESP nicht komplett deaktivierbar ist, aber sonst wären wir wohl keine echten Gas Junkies.

Was uns gefällt:

Die erstklassige Sitzposition
Die neue Infotainment-Einheit
Das hecklastige Fahrverhalten
Die beibehaltende, analoge Tachoeinheit

Was wir noch verbessern würden:

Ein komplett, deaktivierbares ESP
Den Durchschnittsverbrauch
Die adaptive Ladeschale sollte eine Rückmeldung liefern

Factbox: Alfa Romeo Giulia Sprint 2.0 16V 200 AT8

Motor/Antrieb

Motor: Benzinmotor mit Turboaufladung 4-Zylinder (Reihe, längs)
Hubraum: 1.995 ccm
Leistung kW/PS: 147 kW/200 PS
Drehmoment: 330 Nm bei 1.750 U/min
Antrieb: Heck
Getriebeart: 8-Gang-Automatikgetriebe inkl. Start-Stopp-System
0-100 km/h: 6,6 Sekunden
V-Max: 235 km/h

Verbrauch/Umwelt

Werksangabe –kombiniert, l/100 km: 7,6-8,2 nach WLTP
Gas-Junky-Test – Durchschnitt l/100 km: 9,5
CO2 Emissionen: 172-184 g/km Euro 6d-TEMP (nach WLTP)

Fahrwerk/Reifen/Bremsen

Bremsen: VA + HA: Scheibe (vorne innenbelüftet)
Felgen/Reifen: 225/45 R18 (Testversion)

Gewicht und Maße

Leergewicht: 1.504 kg
L/B/H: 4,643 / 2,024 / 1,438 m
Radstand: 2,820 m
Kofferraumvolumen: 480 Liter
Tankinhalt: 58 Liter
Kraftstoff: Super 95

Preise

Alfa Romeo Giulia zu haben ab: € 39.800,-
Alfa Romeo Giulia Sprint 2.0 16V 200 AT8 zu haben ab: € 46.624,-
Preis Testfahrzeug inkl. NoVA ( %) und MWSt:

(c) Bilder: Sebastian POPPE