Mercedes-AMG SL 43 im Test: Frischluft-Ikone

Wir fahren die “Einstiegsversion” des Mercedes-AMG SL und prüfen, ob die zahlreichen Negativstimmen tatsächlich nur von Leuten kommen, die den Roadster noch nicht bewegt haben. Immerhin sprechen wir hier von einem 421 PS starken Aggregat mit F1-Technik, das wohl kaum Platz für Kritik lässt.

Exterieur: Optische Täuschung

Mit den klassischen SL-Proportionen ist dieser Roadster unverkennbar. Die lange Motorhaube und die kurzen Überhänge bilden die Basis. Gegen Aufpreis erhält man das sogenannte V8 Styling Paket. Lediglich die ovalen Endrohrblenden und die Lüftungsgitter an der Front werden echten Markenfans ins Auge springen – sonst ist der 43er dann nicht mehr von den beiden stärkeren Modellen zu unterscheiden. Mit 21 Kilogramm weniger ist auch das Stoffdach im Vergleich zum Stahldach des Vorgängers ein gutes Argument. Es wird Z-förmig in den Kofferraum gefaltet.

Interieur: Erstklassige Haptik, Sportgestühl und sensationelle Dämmung

Platz genommen wird auf Schalensitzen mit integrierter Kopfstütze. Die Sitzposition als auch der Seitenhalt sind ein Traum und auch die Bedienung für die wichtigsten Funktionen ist intuitiv gestaltet.
Es erinnert eben alles an den Ursprung des Modells. Die Transformation erfolgte in den 70er Jahren als der SL vom reinrassigen Rennwagen zum offenen Luxus-Sportwagen mutierte.
Bereits bei der Materialwahl des Cockpits wird klar, dass hier feinste Materialwahl an oberster Stelle steht. Klarerweise setzt man auch bei der Akustik auf ein sehr hohes Level. Das Stoffverdeck (öffnet in nur 15 Sekunden bis zu 60 km/h) lässt selbst bei Autobahn-Tempo kaum Windgeräusche in das Interieur dringen. Bei komfortabler Fahrweise versorgt das Burmester Soundsystem das Gehör mit erstklassigem Klang.
Ebenso wenig störend wirkt der flott deaktivierbare Tempolimit-Warner, welcher problemlos mit einem eigenen Symbol am Infotainment-Screen deaktiviert werden kann.
Apropos Infotainment: Selbst bei geöffnetem Verdeck an sonnigen Tagen werden Lichtreflexionen keinesfalls als störend wahrgenommen. Der Touchscreen lässt sich in der Neigung zwischen 12 und 32 Grad je nach Bedarf einstellen und das Fahrerdisplay ist in ein Hightech-Visier integriert, um auch hier die Reflexion zu meiden. Wer schnell mal den Fahrmodus, Auspuffklang oder das Fahrwerk verstellen mag, der kann dies auf den direkt am Volant angebrachten Reglern sehr intuitiv erledigen. Über die Slider-Tasten am Volant gibt es leider wenig Lob – man gewöhnt sich zwar daran, dennoch ist zu den Walzen und Alu-Elementen Luft nach oben.

Wie wohl bei jedem 2+2 Sitzer sind die hinteren Sitze wohl nur als Ablage oder für die Junior-Passagiere zu verwenden. Neue Rekorde wird man wohl auch mit dem Kofferraumvolumen nicht erzielen, dennoch geht es für einen Roadster ganz klar in Ordnung.

Fahrverhalten: F1 Technik in der Basis

Der 2+2-sitzige Roadster ist mit einem elektrischen Abgasturbolader ausgestattet, womit der SL über Technik aus der Formel 1 verfügt.

Die Rede ist von der besten, technischen Lösung aus zwei Welten mit nur einem Lader: Die kleinen Lader sprechen zwar flott an, kämpfen aber meist mit geringer Spitzenleistung. Große Lader bieten eine höhere Spitzenleistung, sprechen aber erst spät an.
Der elektrische Lader kombiniert die Vorteile dieser beiden Versionen und überrascht im Test mit unglaublicher Präzision beim Ansprechverhalten aus allen möglichen Bereichen.


Der Reihenvierzylinder leistet 310 kW / 421 PS und verfügt über ein Mildhybrid-System mit 10 kW / 14 PS. Die Kräfte werden per 9-Gang-Automatik ausschließlich an die Hinterräder weitergeleitet.
In nur 4,7 Sekunden sprintet man aus dem Stand auf Tempo einhundert und erst bei 278 km/h ist der 2+2 Sitzer elektronisch begrenzt.
Das optionale AMG Ride Control Fahrwerk als auch die optionale Hinterachslenkung würden wir unbedingt bei der Konfiguration empfehlen.
Auch hier kommt der perfekte Mix aus Sportlichkeit und reichlich Komfort zum Vorschein, wobei sich die Affalterbacher auf die dynamische Seite gestellt haben und keine Nachrede riskieren. Speziell im Sport und Sport Plus Modus merkt man, dass die Wankstabilisierung erstklassige Arbeit leistet und den Roadster durch die Kurven zischen lässt – ein Genuss von Kurvendynamik und perfektionierter Performance – alle die hier noch gegen den Vierzylinder-Turbobenziner maulen, sollen dies bitte erst nach der Testfahrt mit realitätsnahen Argumenten untermauern.

Dank der 305er Pneus an der Hinterachse fährt der 43er wie auf Schienen, selbst wenn das Heck kurz mal spitzelt, übernimmt das ESP die Kontrolle. Das Aggregat sorgt über das gesamte Drehzahlband mit einem erstklassigen Ansprechverhalten und wirkt trotz der 1,8 Tonnen Leergewicht jederzeit extrem dynamisch. Auch bei der Entschleunigung punktet der SL mit präziser Dosierbarkeit.


Selbst bei der Klangkulisse muss man den Ingenieuren ein großes Lob aussprechen, denn trotz der strikten Regularien wurde hier echte Feinarbeit geleistet. Im Sport Plus Modus sind sogar ein paar Pops and Bangs dabei, wobei trotzdem die sportliche Klangkulisse im Vordergrund steht. Selbst der Kaltstart wirkt elegant und nicht unnötig aufdringlich.
10,5 Liter Super Plus genehmigte sich der SL 43 im Zuge unserer Testfahrt, hier wird wohl auch der V8 im Eco Modus keine Chance haben.

Und hier wären wir auch schon bei dem Hauptargument – der SL 43 punktet nicht nur in puncto Performance und Alltagstauglichkeit. Im Vergleich zum SL 55 ist er um rund € 63.200 günstiger und weitere € 41.500 preiswerter als der SL 63 4MATIC plus. Die Topversion bildet der SL 63 E-Performance mit einem Einstiegspreis von € 279.800 – die Systemleistung beträgt 816 PS und 1.420 Nm. Für die exklusivste Version wählt man den Mercedes-Maybach SL 680 Monogram Series – dieser kostet im Einstieg mehr als zwei SL-Einstiegsversionen.

Für uns ist der SL 43 dennoch kein Kompromiss aufgrund der Preispolitik, er ist viel mehr ein technisches Meisterstück mit jeder Menge Innovation, die selbst in der Königsklasse zum Einsatz kommt. Mit zusätzlichen Features aus den teureren Versionen ist man selbst in der Einstiegsversion mehr als nur verwöhnt. Billig ist selbst der SL 43 nicht mehr, aber ein sehr emotionaler Roadster, der die Kombination aus Komfort und Sportlichkeit unter Beweis stellt.

Was uns gefällt:

Das emotionale Ansprechverhalten des Aggregats
Die Sportsitze
Der Testverbrauch
Die Dämmung des Fahrzeugs

Was wir noch verbessern würden:

Unseren Kontostand
Die Slider-Elemente am Volant

Factbox: Mercedes-AMG SL 43

Motor/Antrieb

Motor: Vierzylinder-Turbobenziner inkl. Mildhybrid-System
Hubraum: 1.991 ccm
Leistung Verbrenner in kW/PS: 310 kW/421 PS
Leistung E-Motor in kW / PS: 10 kW / 14 PS
Drehmoment: 500 Nm
Antrieb: Heck
Getriebeart: 9-Gang-Automatikgetriebe
0-100 km/h: 4,7 Sekunden
V-Max: 278 km/h

Verbrauch/Umwelt

Werksangabe – kombiniert: 9,4 l/100 km (nach WLTP)
Gas-Junky-Test – Durchschnitt: 10,5 l/100 km
CO2 Emissionen: 215 g/km

Fahrwerk/Reifen/Bremsen

Bremsen: VA: gelochte Scheiben + innenbelüftet
Felgen/Reifen: VA: 275/35 ZR21 HA: 305/30 ZR21

Gewicht und Maße

Leergewicht: 1.810 kg
L/B/H: 4,700 / 1,915 / 1,359 m
Radstand: 2,700 m
Kofferraumvolumen: 213 Liter
Tankinhalt: 70 Liter
Kraftstoff: Super Plus

Preise

Mercedes-AMG SL 43 zu haben ab: € 173.780,-
Preis Testfahrzeug inkl. NoVA und MWSt: € 206.977,42,-

Sonderausstattung

AMG Chrom-Paket Exterieur € 1.377,50
AMG Dynamic Plus Paket € 5.872,50
AMG Bremssättel gelb lackiert
AMG Hinterachs-Sperrdifferenzial elektronisch
AMG Motorlager dynamisch
AMG Ride Control Fahrwerk
V8-Styling Paket Exterieur € 4.205
21-Zoll Leichtmetallräder im Vielspeichen-Design € 3.625
AMG Tankdeckel € 142,10
Magic Vision Control € 565,50
Manufactur Cote d’Azur hellblau metallic € 5.727,50
Manufactur Zierelemente Chrom schwarz € 870
Head-up-Display € 1.435,50
Fahrassistenz-Paket € 3.523,50
Hinterachslenkung € 2.755

(c) Bilder: Sebastian Poppe