Hyundai Ioniq 6 N Line Facelift – Gegen den Strom schwimmen

Elektroauto Hersteller sind insbesondere ab der Mittelklasse darum bemüht, dass die Reichweite kontinuierlich erhöht wird. Momentan bekommt man den Eindruck, dass das hauptsächlich mit immer größeren Akkus geschafft wird, anstatt den Fokus auf einen effizienten Verbrauch zu legen. Der Hyundai Ioniq 6 hat bereits bei seinem Debüt im Jahr 2022 den Fokus auf Effizienz gelegt, das Facelift setzt hier nahtlos daran an und kombiniert einen großen (aber nicht übertrieben großen) Akku mit einem sparsamen Motor. Laut Herstellerangabe sollen damit über 600 Kilometer schaffbar sein – ob er daran auch nur annähernd rankommt, haben wir unter realen Bedingungen getestet.

Exterieur: Die N Line ist ein optischer Leckerbissen

Im direkten Vergleich zum Vorgänger fallen die neu gestalteten Hauptscheinwerfer und separaten LED Tagfahrleuchten auf, welche den Ioniq 6 nicht nur moderner, sondern auch aggressiver wirken lassen. Auch beim Heck wurde Hand angelegt und der zweite Heckspoiler entfernt, wodurch die Fahrzeugform gleichmäßiger und eleganter wirkt. Ein wesentliches Designelement blieb aber auch beim Facelift unberührt, nämlich die windschlüpfige Karosserieform.
Und genau hier scheiden sich die Geister: Ob das schick ist oder nicht – Geschmäcker sind verschieden. Fakt ist aber, dass gerade diese Form einen großen Teil des hervorragenden Luftwiderstandwerts von 0,21 cW ausmacht. Dieser geringe, erstklassige Wert spielt eine wesentliche Rolle beim Verbrauch.
Da das Testfahrzeug mit der N Line ausgestattet ist, verfügt unter anderem die Heckstoßstange über einen zusätzlichen Diffusor mit grauen Elementen, die gepaart mit der roten Wagenfarbe „Ultimate Red Metallic“ einen sehr gelungen Abschluss bilden.

Weniger gespaltene Meinungen, sondern eher negative Stimmen rufen die digitalen Außenspiegel hervor. Abgesehen davon, dass es aussieht als ob man sich die Außenspiegel abgefahren hat, ist die Übersichtlichkeit während der Fahrt sehr gewöhnungsbedürftig und die Tiefenwahrnehmung geht komplett verloren. Diesen aufpreispflichtigen Punkt kann man sich bei der Fahrzeugbestellung unserer Meinung nach getrost sparen.

Riesiges Platzangebot mit Abstrichen bei der Kopffreiheit

Bauartbedingt sitzt man aufgrund des Akkus im Fahrzeugboden in Elektroautos immer etwas höher.
Der Hyundai Ioniq 6 ist eine der wenigen Limousinen, die eine angenehm tiefe Sitzposition zulässt. Große Passagiere haben vorne wie hinten mehr als ausreichend Beinfreiheit und bekommen ein luftiges Raumgefühl, was auch am langen Radstand von fast drei Metern liegt. Aufgrund der für den Luftwiderstand optimierten Gestaltung des Hecks und des Akkus im Fahrzeugboden, haben größere Fondpassagiere jedoch etwas wenig Kopffreiheit. Bei längeren Strecken bietet sich daher an, dass man sich einfach in den Sitz lümmelt, zumindest Beinfreiheit hat man ja mehr als genug, auch wenn die Fußgarage unter den Vordersitzen leider sehr klein gestaltet ist.

Beim Platzangebot darf man den Kofferraum nicht unerwähnt lassen, da dieser mit bis zu 401 Litern gar nicht mal so klein ausfällt. Schade finden wir, dass der Ioniq 6 über eine Kofferraumklappe verfügt und somit viel nutzbarer Platz wegfällt. Wer sich nur auf den Transport von Koffern und Taschen beschränkt, kann damit gut leben.


Bei der Verarbeitungsqualität merkt man dem Ioniq 6 an, dass er in Richtung der oberen Mittelklasse schielen möchte. Zwar wurde auch Hartplastik verbaut, jedoch in ausreichend guter Qualität, sodass das Fahrzeug dadurch nicht billig wirkt. Ansonsten wurden von der Türverkleidung weg über die Sitzpolster bis zur Mittelarmlehne und dem Dachhimmel hochwertige Materialen wie Mikrofaser verbaut, was sich alles sehr wertig anfühlt. Beim Infotainmentsystem merkt man die neu verbaute Hardware, die noch schneller arbeitet als im Vorgänger. Gepaart mit der neuen Software ist die Bedienung noch übersichtlicher und intuitiver, auch wenn man sich in dem ein oder anderen Untermenü verirren kann.

Fahrverhalten und Lademanagement: Eine N Line mit einem Hauch von N Feeling

Das Testfahrzeug verfügt neben der höchsten Ausstattungsvariante N Line auch über die Top Motorisierung mit 325 PS und Allradantrieb. Darüber gibt es nur noch den Hyundai Ioniq 6 N, der über die doppelte Leistung verfügt und mehr Rennstreckenfeeling als Alltagscharme versprüht.
Ehrlich gesagt braucht es das aber auch gar nicht, da das Leistungsspektrum eine ideale Bandbreite von gelassener bis hin zur flotten Fahrweise bietet. Aufgrund des niedrigen Schwerpunkts und des Allradantriebs verleitet der Ioniq 6 gerade in den Kurven zu schnellen Durchfahrten, auch wenn das leicht unruhige Heck doch eher überraschend früher als später die Grenzen aufzeigt. Sportlich ambitionierte Fahrer sollten zudem in den Einstellungen den Bremsmodus umstellen, da dieser einen spürbaren Unterschied beim zupacken der Bremsen macht.

Der große Pluspunkt ist eher im alltäglichen Fahrbetrieb zu finden, da die Gasannahme perfekt abgestimmt ist und sich der Ioniq 6 dadurch sehr komfortabel fahren lässt. Das merkt man auch beim Verbrauch und der Reichweite. Die nutzbare Akkugröße ist im Facelift von zuvor 74 kWh auf 80 kWh angewachsen und trotzdem konnte sogar der Verbrauch gesenkt werden. Das spürt man auch schnell, denn so spielend leicht wie im Ioniq 6 ließen sich bei noch keinem Auto Verbrauchswerte von weniger als 13 kWh/100km im Mix aus Landstraße und Stadtverkehr erzielen. Wenn man den rechten Fuß zügelt und vorausschauend fährt, sind auch leicht Verbrauchswerte von unter 10 kWh/100km zu schaffen. Je nach Einsatzgebiet sind daher Reichweiten von 600 bis 800 Kilometer durchaus schaffbar.

Auf Autobahn-Etappen schrumpft die Reichweite dann doch ein wenig. Bei realitätsnahen Autobahnfahrten mit erlaubten 130 km/h konnten wir Verbrauchswerte von 18-19 kWh/100km erzielen, was dennoch einer beachtlichen realen Autobahnreichweite von mehr als 400 Kilometern entspricht. Angesichts der 800-Volt Schnelladetechnologie mit einer Ladespitze von bis zu 263 kW muss man keinesfalls mit 120 km/h herumzuckeln.
Die Aufenthalte an der Schnellladesäule fallen mit weit weniger als 20 Minuten sehr kurzweilig aus.
Und im täglichen Alltagsbetrieb und bei Urlaubsfahrten darf man die Ladeinfrastruktur nicht außer Acht lassen, denn Schnellladesäulen mit 200-300 kW sind häufiger zu finden als 400 kW oder darüber hinaus.
Gerne verzichtet man hier auch auf deutlich höhere Ladeleistungen, denn selbst hier hat man beim gemütlichen Kaffee schon ein wenig Stress.

Fa(hr)zit

Das Facelift des Hyundai Ioniq 6 ist eine gelungene Überarbeitung eines bereits effizienten Fahrzeugs. Neben dem futuristischeren Design überzeugt vor allem die Langstreckentauglichkeit, die durch die leicht erhöhte Akkugröße und noch sparsameren Motor im Vergleich zum Vorgänger nochmal gesteigert werden konnte. Somit sind hohe Autobahnreichweiten und sehr kurzweilige Ladepausen mit einem sportlichen Antriebskonzept vereint. Die getestete Allradvariante ist für alle Witterungsbedingungen bestens gerüstet und optimal motorisiert – nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig.
Wer gerne sportlichen Langstreckenkomfort genießen möchte, aber nicht die hohe Leistung der Top Version des Hyundai Ioniq 6 N braucht, wird hiermit bestens bedient.
Größter Kritikpunkt ist die Gestaltung des Kofferraumklappe, da hier speziell sperrige Gegenstände zu Hause bleiben müssen.

Was uns gefällt:

  • Die Effizienz ohne Abstriche der Fahrfreude
  • Das Platzangebot und die Verarbeitung im Innenraum
  • Die scharfe Optik der N Line

Was wir noch verbessern würden:

  • Eine größere Kofferraumklappe
  • Eine Shooting Brake Variante
  • Die erschwerte Wahrnehmung aufgrund der digitalen Außenspiegel

Factbox: Hyundai IONIQ 6 Facelift N Line 84kWh 4WD

Motor/Antrieb

Motor: Permanent Magnet Synchronmotor
max. Leistung kW/PS: 239 kW / 325 PS
Dauerleistung kW/PS: 81 kW / 110 PS
Drehmoment: 350 Nm
Batterietyp: Lithium-Ionen-Polymer (NMC)
Batterie Energiegehalt:
84 kWh brutto / 80 kWh netto
Antrieb: Allrad
Getriebeart: Ein-Gang-Automatik
0-100 km/h: 5,1 Sekunden
V-Max: 185 km/h

Verbrauch/Umwelt

Werksangabe – kombiniert kWh/100 km: 15,9
Werksangabe – Reichweite: 570
Gas-Junky-Test – Durchschnitt kWh/100 km: 17

Ladedauer (Herstellerangaben)

Ladedauer Wallbox 11 kW: 10% – 100% 7:35 Stunden
Gleichstrom-Schnelllader (max. 263 kW): 10% – 80% 18 Minuten

Bremsen/Felgen/Reifen

Bremsen: VA+HA: Scheibenbremsen
Felgen/Reifen: 245/40 R20

Gewicht und Maße

Leergewicht: 2.059 – 2.110 kg
L/B/H: 4,935 m / 1,880 m / 1,495 m
Radstand: 2,950 m
Kofferraumvolumen: 401 Liter
Frunk: 14,5 Liter

Preise

Hyundai Ioniq 6 zu haben ab: € 45.990,00
Hyundai Ioniq 6 N-Line zu haben ab: € 64.490
Preis Testfahrzeug inkl. MWSt: € 56.370,00*

*Aktionspreis, regulär € 64.490,00 abzüglich
€ 2.500 Eintauschbonus, € 1.000 Zusatzeintauschbonus, € 6.200 Finanzierungsbonus, € 800 Versicherungsbonus

Sonderausstattung:
Schiebedach € 990
Digitale Außenspiegel € 1.390

(c) Bilder: Andreas König