Kia EV4 Hatchback im Test: Angriff auf die Elektro-Kompaktklasse

Kia ist schon längere Zeit für ein mutiges Design bekannt, wie auch der neue Kia EV4 beweist. Denn erhältlich ist dieser in zwei Karosserieformen – entweder als fünftüriger Hatchback, oder als längerer, viertüriger Fastback. Da insbesondere der Fastback für das europäische Auge teilweise doch zu gewagt sein könnte, liegt der Fokus in unseren Breitengraden eher beim Hatchback, zumal dieser ausschließlich in Europa erhältlich ist. Dementsprechend wurde uns als Testwagen ein Hatchback in der Lackierung „Magma Red“ und der zweithöchsten Ausstattungsvariante „Earth Plus“ zur Verfügung gestellt.

Außendesign mit Retro chic

Im Auftritt wirkt der EV4 aufgrund der seitlich langgezogenen Scheinwerfer etwas aggressiv, die rote Lackierung verschärft dieses Statement noch zusätzlich. Abgeschwächt wird das durch die eigenwillig geformten Alufelgen, die etwas an Radkappen aus den 80er Jahren erinnern, auch wenn diese aerodynamisch günstige Form für zusätzlicher Reichweite sorgt. Beim Heck ist er im Vergleich zur Front fast schon etwas langweilig, die eckig gestalteten Heckleuchten passen jedoch gut ins Gesamtbild. Da es sich beim Testwagen um den fünftürigen Hatchback handelt, lässt sich die Heckklappe erwartungsgemäß komplett öffnen. Die Fastback Variante ist im Vergleich zwar länger, bietet diesen Ladekomfort jedoch nicht, da dieser nur über einen kleinen Kofferraumdeckel verfügt.

Aufgeräumtes Interieur überzeugt

Dem Kia EV4 würde man von außen gar nicht zutrauen würde, dass dieser über jede Menge Platzangebot verfügt. Fahrer und Beifahrer sitzen sicher und bequem, ohne dass ein Gefühl von Klaustrophobie aufkommt. Auch die offenen Ablagemöglichkeiten vor bzw. unterhalb der Armauflage inklusive der cleveren Getränkehalter unterstützen dieses luftige Raumgefühl.

Auf der Rückbank können sich die Fondpassagiere über mehr als ausreichend Beinfreiheit freuen. Durch die gerade verlaufende Dachlinie ist mangelnde Kopffreiheit für größere Fondpassagiere ebenfalls kaum ein Thema. Eine längere Fahrt zu viert ist also definitiv kein Problem. Da es sich beim Kia EV4 um ein Auto der Kompaktwagenklasse handelt, ist der Kofferraum zwar kein Raumwunder, fasst mit seinen 435 Litern Ladevolumen aber dennoch genug Platz für einen Kurzurlaub.

Die Assistenzsysteme halten was sie versprechen, können trotzdem nerven

Heutzutage sind Neufahrzuege mit einer Vielzahl an Assistenzsystemen ausgestattet und wenn diese nicht optimal arbeiten, ist das als Fahrer sehr frustrierend. Kia hat seine Hausaufgaben jedenfalls erledigt, denn die Assistenzsysteme im EV4 arbeiten zum Großteil wie man es erwartet, auch wenn sie es teilweise mit den Hinweistönen etwas zu gut meinen und einen mit schrillen Warntönen oftmals ermahnen.
Da der Testwagen über die Earth Plus Ausstattungslinie verfügt, ist er auch mit dem überarbeiteten Autobahnfahrassistenten namens „Highway Driving Assist“ bestückt. Dieser führt einen nahezu selbstständig spursicher über die Autobahn, denn die Hände dürfen das Lenkrad nur kurze Zeit unberührt lassen. Als zusätzliches Komfortfeature umfasst der Highway Driving Assist auch über einen automatischen Spurwechselassistenten, der beim Betätigen des Blinkers automatisch den Spurwechsel vornimmt. Dieses Komfortfeature sollte man nicht im Reise- oder Berufsverkehr nutzen, denn in der Praxis dauert die Ausführung relativ lange, weshalb die nachfolgenden Autos teilweise sichtlich nervös werden.

Fahrfreude in allen Lebenslagen

Im Fahrbetrieb lässt sich schnell spüren, dass der Kia EV4 in Europa entwickelt wurde. Die Lenkung erfolgt direkt und das Fahrwerk ist nicht schwammig, sondern bietet einen guten Kompromiss aus Komfort und Härte. Bei der Fahrdynamik kommt überraschend viel Freude auf, auch wenn der europäische Koreaner mit seinen 204 PS für ein Elektroauto nicht übermotorisiert ist. Die Gasannahme erfolgt direkt genug, dass für eine spritzigere Fahrt der Sportmodus gar nicht erst aktiviert werden muss.

Die große Überraschung erfolgt beim Blick auf den Bordcomputer. Verbrauchswerte jenseits der 20 kWh/100 km sieht man eher bei flotten Autobahnfahrten, im Durchschnitt erfreut man sich über Verbrauchswerte von um die 16 kWh/100 km, was eine Reichweite von knapp 500 Kilometer ermöglicht. Bei einer Eco-Fahrt über Landstraßen und durch Ortschaften war durch den verhältnismäßig sanftem Gasfuß sogar spielend leicht ein Verbrauch von 13 kWh/100 km möglich, mit genug Potential nach noch geringeren Werten. Selbst auf der Autobahn lässt sich der EV4 überraschend sparsam fahren, bei 130 km/h resultiert das in beachtlichen Verbrauchswerten von ca. 18 kWh/100 km.

Kein Lademeister, dafür Kilometerfresser

Der Kia EV4 leistet an der Schnellladesäule zwar nur maximal 135 kW, dafür hält er die Ladekurve über lange Zeit konstant hoch. Aufgrund der hohen Autobahnreichweite von rund 440 Kilometern ist es auch gar nicht so schlimm, wenn man nach einer mehr als dreistündigen Fahrt eine Ladepause mit einem kleinen Snack verbindet. In so einem Fall tun einem – im Vergleich zu einem 800 Volt Fahrzeug – die paar Minuten länger an der Ladesäule gar nicht so weh. Vielfahrer hingegen wären über eine höhere Ladeleistung bestimmt nicht unglücklich.

Fa(h)rzit

Der Kia EV4 macht sehr vieles richtig. Der Kompakt-Stromer überzeugt mit einer äußerst soliden Technik und angenehmen Fahrleistungen samt europäisch abgestimmten Fahrwerk. Zu seinen größten Stärken zählen einerseits der effiziente Verbrauch und andererseits das überraschend gute Platzangebot.
Die relativ niedrige Ladeleistung kann zwar lange gehalten werden, wobei der EV4 keinesfalls ein Schnäppchen ist und um diesen Preis dürfte die Power am Schnelllader gerne noch gesteigert werden.

Was mich begeistert:

  • Das europäisch abgestimmte Fahrwerk
  • Der effiziente Motor
  • Die hohe Reichweite

Was ich mir noch wünschen würde:

  • Weniger nervende Töne der Assistenzsysteme
  • Eine höhere Ladeleistung

Factbox: Kia EV4 Earth Plus

Motor/Antrieb

Motor: Permanent Magnet Synchronmotor
max. Leistung kW/PS: 150 kW / 204 PS
Dauerleistung kW/PS: 50 kW / 68 PS
Drehmoment: 283 Nm
Batterietyp: Lithium-Ionen (NMC)
Batterie Energiegehalt:
81,4 kWh brutto / 78 kWh netto
Antrieb: Front
Getriebeart: Ein-Gang-Automatik
0-100 km/h: 7,7 Sekunden
V-Max: 170 km/h

Verbrauch/Umwelt

Werksangabe – kombiniert kWh/100 km: 14,6 – 15,8
Werksangabe – Reichweite: 584 – 625
Gas-Junky-Test – Durchschnitt kWh/100 km: 16

Ladedauer (Herstellerangaben)

Ladedauer Wallbox 11 kW: 10% – 100% 7:15 Stunden
Gleichstrom-Schnelllader (max. 135 kW): 10% – 80% 31 Minuten

Bremsen/Felgen/Reifen

Bremsen: VA+HA: Scheibenbremsen
Felgen/Reifen: 215/60 R17

Gewicht und Maße

Leergewicht: 1.821 kg
L/B/H: 4,430 m / 1,860 m / 1,415 m
Radstand: 2,820 m
Kofferraumvolumen: 435 – 1.391 Liter

Preise

KIA EV4 zu haben ab: € 39.590,00
Kia EV4 Earth Plus zu haben ab: € 50.450
Preis Testfahrzeug inkl. MWSt: € 50.540,00

(c) Bilder: Andreas König