NIO ET5 Long Range im Test: Premium-Angriff!

Mit dem ET5 sorgt NIO für ein großes Kino im Straßenverkehr. Die chinesische Marke feierte Ende letzten Jahres deren Markstart in Österreich. Immer wieder wurden wir auf das Modell im Alltag angesprochen – klar ist auch die Lackierung in Sunbath Yellow ein Blickfang. Kann der ET5 mit der Premium-Konkurrenz mithalten und welche Aufgaben könnte er noch verbessern?

Interieur: Hochwertige Materialwahl, ausschließlich Touch-Bedienung und leistungsstarkes Soundsystem

Kaum Platz genommen wirkt der ET5 sehr gastfreundlich: „Schön, dass wir uns wiedersehen“. Die Sprachassistenz begrüßt uns auch beim ersten Einstieg mit den gleichen Worten wie nach dem 50.
In der Testversion ist sogar NOMI Mate verbaut – eine schwarze Kugel mittig am Armaturenbrett, die als Assistenz zur Verfügung steht.

Das ist auch gut so, denn man benötigt beim ET5 eine gewisse Eingewöhnungsphase um sich mit den zahlreichen Menüpunkten des 12,8-Zoll Touchscreens vertraut zu machen. Immerhin sind darin sogar die Einstellung der Seitenspiegel bzw. des Volants integriert. Auch auf Apple CarPlay und Android Auto muss man leider verzichten. Das Smartphone wird hier lediglich via Bluetooth gekoppelt, einzelne Apps können im Fahrzeug heruntergeladen werden.

Sehr gut gefallen uns die Platzverhältnisse in beiden Reihen. Großgewachsene Fondpassagiere werden aufgrund der Karosserieform lediglich bei der Kopffreiheit Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Fahrer- und Beifahrer verfügen optional sogar über eine Sitzbelüftung und Massagefunktion, die Sitzposition wirkt aufgrund der Akkupositionierung etwas hoch. Darüber hinaus verfügt man über ein Soundsystem mit 23 Lautsprecher und 1.000 Watt Leistung – womit man den ET5 in einen fahrenden Konzertsaal verwandelt. Erfreulich ist, dass auch die Geräuschdämmung auf Premium-Niveau angesiedelt ist.

Sehr schade finden wir, dass man sich beim ET5 für einen Heckdeckel anstatt einer Heckklappe entschieden hat. Das Kofferraumvolumen beträgt in der Basis knapp 400 Liter und kann bis auf 1.135 Liter erweitert werden.
Dazu kommt, dass auch die Sicht nach hinten recht beschränkt ist.

Fahrverhalten und Lademanagement: Zwischen sportlichem Charakter und Raketenstart!

Der ET5 ist in zwei Akkugrößen erhältlich, wir sind die Long Range Version gefahren, sprich 90 kWh Akkukapazität netto.
Die Testversion verfügte über gleich zwei E-Motoren, welche für eine Systemleistung von 360 kW / 490 PS und 700 Nm sorgen.
Mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 23,5 kWh pro 100 Kilometer bei einem SoC von 100-10 Prozent beträgt die Praxisreichweite rund 345 Kilometer. In anderen europäischen Ländern hat NIO bereits sogenannte Power Swap Stations zur Verfügung – demnach kann man hier den Akku einfach tauschen.

Wir haben die ursprüngliche Variante gewählt und konnten in rund einer halben Stunde den Akku von 10-80 Prozent laden. Die maximale Ladeleistung betrug 140 kW.

Je nach Fahrmodi (Eco, Komfort, Sport, Sport Plus und Individual) ist man zwischen sportlichem Charakter und Raketenstart unterwegs. Im Sport Plus Modus beschleunigt der ET5 in lediglich vier Sekunden aus dem Stand auf Tempo einhundert. Im Komfort Modus dauert es ca. doppelt so lange. Schade, denn die beiden schärfsten Fahrmodi sorgen klarerweise auch für einen höheren Verbrauch und der nahezu doppelte Beschleunigungswert lässt zu Beginn etwas Verwunderung aufkommen.
Dauerhafte Sportlichkeit (ohne adaptive Regelung) bietet hingegen das Fahrwerk – wir würden uns mehr Fahrzeuge mit diesem Setup wünschen. Immerhin haut es Dir auf den altbekannten Rumpelpisten keinesfalls die Beißer raus, aber es vermittelt speziell in engen Kehren ein dynamisches Setup, das erstklassig zu diesem Fahrzeug passt. Gerne dürfte man bei der Lenkung noch ein wenig Präzision fordern – die Abstimmung ist straff, aber dürfte gerne noch viel mehr Feedback von der Straße spendieren.

Bei den Assistenzprogrammen regelt der Spurhalte-Assistent viel zu grob und die Fernlicht-Automatik dürfte gerne schon ein wenig früher abblenden.
Auf längeren Etappen fährt der ET5 bereits teilautonom – mittels Lidar-Funktion wird dieses Kapitel mit zusätzlicher Präzision versehen. Auf kurvigen Strecken will man dann doch lieber selbst das Kommando übernehmen und die Power des ET5 genießen.

Unser Fa(hr)zit:

Der NIO ET5 überzeugt mit hochwertiger Materialwahl, sportlicher Abstimmung, großzügigen Platzverhältnissen und einer guten Geräuschdämmung. Verbesserungsbedarf gibt es bei dem recht groben Spurhalter, der Fernlicht-Automatik und zu Beginn auch bei der Touch-Bedienung. Schnäppchen ist der ET5 natürlich keines, dennoch bietet der Hersteller eine umfangreiche Serienausstattung und punktet mit jeder Menge Technik. Mit zahlreichen Akku-Wechselstationen hierzulande würde der Hersteller natürlich noch mehr Nachfrage erhalten.

Was uns gefällt:

Die Abstimmung des Fahrwerks
Die Materialwahl
Die Platzverhältnisse

Was wir noch verbessern würden:

Apple CarPlay und Android Auto integrieren
Den groben Spurhalter entschärfen
Die Fernlicht-Automatik
Die großen Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Fahrmodi

Factbox: NIO ET5 Long Range

Motor/Antrieb

Motor: 2x E-Motoren (VA: ASM mit 150 kW, HA: PMSM mit 210 kW)
Leistung kW/PS: 360 kW/ 490 PS
Batteriekapazität netto (kWh): 90
Batterietyp: Lithium Ionen
Drehmoment: 700 Nm
Antrieb: Allrad
Getriebeart: Automatik, einstufig
0-100 km/h: 4,0 Sekunden
V-Max: 200 km/h

Verbrauch/Umwelt

Werksangabe – kombiniert: 18,6-20,7 kWh/100 km
Gas-Junky-Test – Durchschnitt: 23,5 kWh/100 km
Werksangabe Reichweite: 590-532 km kombiniert

Ladedauer (Herstellerangaben)

Ladedauer Wallbox 11 kW (Ladezeit bis 100 %): ca. 4 Stunden
Gleichstrom-Schnellader, 125-180 kW (Ladezeit 10% – 80 %): ca. 26 Minuten

Bremsen/Reifen/Felgen

Bremsen: VA+HA: belüftete Scheibenbremsen,
Felgen/Reifen:
 245/40 R20

Gewicht und Maße

Leergewicht: 2.160 kg
L/B/H: 4,790 m / 2,041 m / 1,499m
Radstand: 2,888 m
Kofferraumvolumen: von 394-1.135 Liter

Preise

NIO ET5 (Standard Range) zu haben ab: € 59.990,-
NIO ET5 (Longe Range) zu haben ab: € 68.790
Preis Testfahrzeug inkl. Steuern: € 73.750

Sonderausstattung

Exterieur: Sunbath Yellow € 1.490
20-Zoll-Leichtmetallräder Gladiator € 990
Komfort-Paket € 1.790
Lenkradheizung, 14-fach verstellbare Vordersitze, Belüftung der Vordersitze, Massagefunktion der Vordersitze, Sitzheizung hinten, Intelligentes Duftsystem, Ionisator
NOMI Mate € 690

(c) Bilder: Sebastian Poppe