





Mit dem Polestar 4 hat der Automobilhersteller mit Sitz in Schweden bei seiner Markteinführung vor zwei Jahren einen für ein SUV Coupé ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. Denn auf ein Heckfenster wurde komplett verzichtet, stattdessen liefert eine Kamera das entsprechende Bild. Aus Marketingsicht ein kluger Schachzug, denn diese Besonderheit ist seitdem fix mit diesem Modell verknüpft und sorgt immer für Gesprächsstoff.
Doch der Polestar 4 bietet weit mehr als ein unkonventionelles Fahrzeugheck. Wir konnten uns anhand eines Testwagens des aktuellen Modelljahrs 2026 überzeugen.
Europäisches Design trifft auf chinesische Produktion






Mit seiner eleganten Karosserieform und den vierteiligen Frontscheinwerfern ist der Polestar 4 ein Blickfang, ohne es im Auftritt übertreiben zu wollen. Dass es dem europäischen Auge gefällt ist kein Zufall, immerhin wurde das Fahrzeugdesign in Schweden entworfen. Mit rund zwei Metern Breite und über 4,8 Metern Länge verschafft er sich einen selbstsicheren Auftritt im Straßenverkehr. Für die eigene Sicherheit sorgen insgesamt sieben Kameras, welche rund um das Fahrzeug angebracht sind, wobei die Heckkamera aufgrund der fehlenden Heckscheibe am auffälligsten ist.


Interieur: Nachhaltige Materialien sorgen für hochwertige Haptik, intuitive Bedienung, Verzicht auf Android Auto und neue Tasten am Volant
Im Innenraum legt man großen Wert auf den Einsatz nachhaltiger Materialien. So finden etwa recycelte PET Flaschen und Polyester ein zweites Leben und das keineswegs schäbig, sondern auf einem sehr hohen Verarbeitungsniveau, wie man auch am Einsatz von veganem Leder erkennen kann.






Das 15,4-Zoll große Infotainmentsystem wird über das Betriebssystem Android Automotive betrieben, über das man sich zahlreiche Android Apps herunterladen kann. Kleiner Wermutstropfen – wer bisher Android Auto genutzt hat und darüber Whatsapp-Nachrichten erhalten hat, muss auf diese Möglichkeit vorerst verzichten, da Android Smartphones nur über Bluetooth verbunden werden können. Da die Anbindung von iPhones nach wie vor über Apple CarPlay erfolgt, gibt es diese Einschränkung dort nicht. Das Bedienkonzept ist simpel gestaltet und man findet sich schnell zurecht.
Das neue Modelljahr verfügt am Volant über haptische Tasten, was für ein spürbar verbessertes Bedienerlebnis sorgt.





Aufgrund des fehlenden Heckfensters könnte man denken, dass man als Fondpassagier im Dunklen sitzt. Dem ist aber nicht so, denn Abhilfe verschafft ein riesiges Panorama-Glasdach, welches für ausreichend Tageslicht auch auf der Rückbank sorgt.








Die Heckkamera projiziert ein Kamerabild in den Rückspiegel, welches nach einer kurzen Eingewöhnungsphase keine Probleme mehr macht, auch wenn die Tiefenwahrnehmung verloren geht.
Bei Brillenträger könnte die Umgewöhnung etwas länger dauern, da die Augen eine andere Art der Fokussierung gewohnt sind. Dafür funktioniert die Kamera selbst bei Nässe überraschend zuverlässig und liefert ein gestochen scharfes Bild. Auch bei Dunkelheit funktioniert diese Lösung besser als ein konventioneller Rückspiegel.


Etwas mehr nordische Gelassenheit schadet nicht
Der Testwagen verfügt als Single Motor über Heckantrieb, weshalb er im Vergleich zum kräftiger motorisierten Allradbruder mehr Reichweite verspricht. Vollgeladen zeigt der Bordcomputer 620 Kilometer an, diese Reichweite ist unter bestimmten Umständen theoretisch auch möglich.
Auf längeren Autobahn-Etappen hatten wir bei spätwinterlichen bzw. frühlingshaften 10 Grad einen Verbrauch von rund 22 kWh/100 km, was bei der nutzbaren Akkugröße von 94 kWh eine Reichweite von über 400 Kilometer ergibt. Auf der Landstraße schafften wir mühelos Verbrauchswerte von weniger als 18 kWh/100km, in der Stadt um die 15 kWh/100km. Folglich ergibt sich dank des großen Akkus also nicht nur am Papier, sondern auch in der Praxis eine brauchbare Reichweite.
Im Vergleich zur Allradversion wirkt die Heckantriebsversion gezügelter und komfortabler, aber keinesfalls untermotorisiert. 200 kW / 272 PS und 343 Nm leistet die Testversion mit dem großen Akku und Heckantrieb. 7,1 Sekunden dauert der Sprint aus dem Stand auf Tempo einhundert. Das ist im Vergleich zur LRDM-Version mit 3,8 Sekunden dann doch jede Menge. Im Alltag wirkt die Lenkung keinesfalls weniger gefühlvoll und auch das Fahrwerk macht seinen Job erstklassig – zwar komfortabler als die Sportversion, aber keinesfalls zu soft.
Die liebe Not mit den Assistenzsystemen



So souverän die komfortablen Fahrleistungen des Polestar 4 LRSM auch sind, der Tempomat kann einen ab und zu zur Verzweiflung bringen. Wobei sich dieser im wesentlichen in zwei Bereiche aufteilt – einerseits ist hier auch der Spurhalter aktiviert, andererseits wird auch immer automatisch der Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug gehalten. Der Spurhalteassistent neigt zu sehr harten Lenkeingriffen, die subjektiv schwer unter Kontrolle zu bringen sind. Insbesondere bei Fahrten auf kurvigen Autobahnabschnitten oder innerhalb von Ortschaften fällt das unangenehm auf. Wen diese Lenkeingriffe zu sehr stören, der kann diese immerhin bequem mittels einer Lenkradtaste (auch bei Verwendung des Tempomats) deaktivieren. Der adaptive Geschwindigkeitsassistent hingegen lässt sich gar nicht deaktivieren, gerade dieser neigt aber oft zu Phantombremsungen und hat auch etwas Mühe zu erkennen, auf welcher Fahrspur die vorausfahrenden Fahrzeuge unterwegs sind. Wobei sich ein Großteil dieser Erfahrungen auf kurvige Autobahnabschnitte und Ortsdurchfahrten beschränken, beim Kilometer runterspulen auf langen Geraden gibt es solche Situationen spürbar seltener. Der Gesamteindruck des Tempomaten fällt demnach leider unharmonisch aus, hier hoffen wir auf ein rasches Update.
Stabile Ladeleistung mit Überraschungen


Der Polestar 4 verfügt über eine 400-Volt Technologie. Die Ladeleistung von 10% auf 80% beträgt 30 Minuten, was für ein SUV Coupé heutzutage eher eine durchschnittlich gute Ladeleistung darstellt. Diese Ladezeit hat auch ein (nicht optimal vorkonditionierter) Ladetest von 13% auf 80 % bestätigt, da dieser exakt 30 Minuten gedauert hat. Dabei konnten wir uns von der stabilen, durchschnittlichen Ladeleistung von 126 kW überzeugen und es kam die Erkenntnis, dass man gar nicht zwingend bis 80 % laden braucht. Angesichts des großen Akkus und eines guten Autobahnverbrauchs reichen bereits 20 Minuten an der Schnellladesäule aus, um ausreichend Energie für weit mehr als 200 Kilometer nachgeladen zu haben.
So gesehen ist es nachvollziehbar, dass die 800-Volt nicht unbedingt notwendig sind, gestört hätte so ein Upgrade aber bestimmt keinen.
Fa(h)rzit
Das neue Modelljahr des Polestar 4 fällt aufregend unaufgeregt aus. Und das ist auch gut so, denn der schicke Auftritt und die hervorragende Verarbeitungsqualität benötigen keine großen Verbesserungen. Auch wenn die Ladeleistung und teilweise die Assistenzsysteme noch nicht zur Gänze überzeugen, so punktet der Premium-Stromer mit einer großen Reichweite, einem modernen Bedienkonzept und einem erstklassigen Innenraum. Zudem hat Polestar gerade attraktive Rabattangebote, sodass wir zur Probefahrt nur anraten können.
Was mich begeistert:
- Eine Verarbeitungsqualität die über alle Zweifel erhaben ist
- Das fesche Außendesign
- Die Langstreckentauglichkeit
Was ich mir noch wünschen würde:
- Harmonischere Assistenzsysteme
- Ein voll funktionsfähiges Android Auto
Factbox: Polestar 4 Single Motor
Motor/Antrieb
Motor: Permanentmagnetmotor
max. Leistung kW/PS: 200 kW / 272 PS
Dauerleistung kW/PS: 75 kW / 102 PS
Drehmoment: 343 Nm
Batterietyp: Lithium-Ionen (NMC)
Batterie Energiegehalt: 100 kWh brutto / 94 kWh netto
Antrieb: Heck
Getriebeart: Ein-Gang-Automatik
0-100 km/h: 7,1 Sekunden
V-Max: 200 km/h
Verbrauch/Umwelt
Werksangabe – kombiniert kWh/100 km: 17,8 – 18,1
Werksangabe – Reichweite: 620
Gas-Junky-Test – Durchschnitt kWh/100 km: 20
Ladedauer (Herstellerangaben)
Ladedauer Wallbox 22kW: 0% – 100% 5,5 Stunden
Gleichstrom-Schnelllader (max. 200kW): 10% – 80% 30 Minuten
Bremsen/Felgen/Reifen
Bremsen: VA+HA: Scheibenbremsen innenbelüftet
Felgen/Reifen: 255/50 R20
Gewicht und Maße
Leergewicht: 2.230 kg
L/B/H: 4,840 m / 2,008 m / 1,534 m
Radstand: 2,999 m
Kofferraumvolumen: 526 – 1.536 Liter (inkl. 31 Liter Stauraum unter Ladeboden)
Frunk: 15 Liter
Preise
Polestar 4 zu haben ab: € 49.990*
Preis Testfahrzeug inkl. MWSt: € 70.090
*Aktionspreis „Nordic Edition“, regulärer Startpreis € 59.990,00
(c) Bilder: Andreas König

