Ganz nach dem Motto: „Willst du gelten, mach dich selten“ präsentiert Abarth mit dem neuen 600e Scorpionissima ein auf 1949 Stück limitiertes Modell, welches zeigt, dass Kompromisse auch in der heutigen Automobilwelt nicht immer akzeptiert werden müssen. Die Stückzahl ist freilich kein Zufall, sondern dient als Hommage an die Geschichte der Marke, denn in diesem Jahr erblickte das Unternehmen das Licht der Welt.
Exterieur: Keine Fragen offenlassen







Der neue 600e zeigt bereits beim Betrachten des Exterieurs, dass es sich hierbei um kein gewöhnliches Fahrzeug handelt. Dies beginnt bereits bei der Farbwahl, denn der Scorpionissima, also die extremste Variante, ist entweder wie unser Testwagen in Hypnotic Purple oder in Acid Grün erhältlich.
Insgesamt bilden sechs Halbkreise die Lichtsignatur des unter Spannung stehenden Italieners.
Schriftzüge, Kühlergrill, Front- und Heckschürzte sowie die Seitenschweller und der Spoiler sind schwarz gehalten. Auch wenn die Grundform viele Rundungen aufweist, werden diese durch zahlreiche eckige Elemente aufgebrochen, was dem sportlichen Charakter betont und den „Knutschkugel-Faktor“ reduziert. Besonders die scharfen Kanten des Heckspoilers und des Heckdiffusors spielen hierbei in der Heckansicht eine bedeutsame Rolle. Hinzu kommt, dass die kompakten Heckleuchten mit schmalem Profil den Look gut betonen und dennoch einen Hauch Hommage an die früheren Modelle einbringt.
In unseren Augen kann der 600e Scorpionissima besonders in Hypnotic Purple begeistern, denn unabhängig von der Außenfarbe sind die Radnabenabdeckungen, Bremssättel und Abarth-Embleme unterhalb der A-Säule in Acid Grün gehalten, was dann in der Kombination mit dem Lila-Ton einen unfassbar aggressiven und sportlichen Touch verleiht und besonders hervorsticht. Es steht natürlich außer Frage, dass die 20-Zoll-Leichtmetallräder in Bicolore einen essentiellen Anteil am Gesamtbild haben.
Interieur: Eine runde Sache











Auch wenn der 600e als Viertürer auftritt, ist es wahrscheinlich nicht überraschend, dass die erste Sitzreihe das große Kino erlebt und die Rückbank aufgrund der Platzverhältnisse eher für Unerwartetes vorgesehen ist. Hat man jedoch das Vergnügen vorne zu sitzen, gibt es ein ganzes Füllhorn an Punkten, die nicht unerwähnt bleiben dürfen. Angefangen mit den Sportsitzen von Sabelt mit jeder Menge Alcantara und noch mehr Seitenhalt. Fast schon selbstredend ist, dass sie über neongrüne Ziernähte und Abarth-Embleme verfügen. Weiter geht’s mit dem Lenkrad, dass auch mit reichlich Alcantara überzogen ist, eine grüne Zwölf-Uhr-Markierung und ein dazu passendes Emblem in der Mitte besitzt. Durch den kräftigen Kranz liegt es hervorragend in der Hand und bringt bei jeder Kurve Freude.
Am Armaturenbrett und bei den Türtafeln wurden viele Schwünge eingearbeitet und dafür größtenteils auf gerade Strecken verzichtet. Das wirkt für uns stimmig italienisch und erinnert an frühere Modelle, ohne dabei altbacken oder bekannt zu erscheinen. Das digitale 7-Zoll-Fahrinfodisplay passt bestens in das Gesamtkonzept und gibt klar die wichtigsten Informationen weiter, wobei dennoch ein Head-up-Display seine Berechtigung gehabt hätte. Zentral positioniert befindet sich ein 10,25-Zoll-Infotainmentdisplay, welches auch zur Darstellung von Sportanzeigen genutzt werden kann, womit man das Sportwagen-Feeling intensiviert, aber auch Apple CarPlay und Co. können darüber verwendet werden.
Als ich während einer Testfahrt an einem bekannten Möbelhaus aus Schweden vorbeikam und meine Freundin die Idee eines spontanen Besuchs aufstellte, bekam ich Zweifel, ob die limitierte Abarth-Version das richtige Fahrzeug dafür sei. Das wurde auch nicht besser, als sich die unhandlichen Pakete im Einkaufswagen stapelten. Doch zu meiner Überraschung war nach dem Betätigen der elektrischen Heckklappe und dem Umlegen der Rücksitze so viel Platz vorhanden, dass sich alles problemlos ausging und ich mich selbst ertappte, dass ich positiv überrascht war, denn maximal 1.231 Liter Kofferraumvolumen erwartet man in diesem Fahrzeug schlichtweg nicht.
Fahrverhalten: Das Gift dieses Skorpions macht süchtig
Die Testversion verfügt dank der Scorpionissima-Version über 280 PS (207 kW) und 345 Nm, welche von einem permanentmagneterregten Synchronmotor geliefert werden. Dieser überträgt die Kraft über ein 1-Gang-Automatikgetriebe und ein mechanisches Torsen-Sperrdifferenzial an die Vorderräder. So schafft der Abarth den 0-100 km/h-Sprint in 5,85 Sekunden und ist auf maximal 200 km/h in der Höchstgeschwindigkeit limitiert. Die Energie zum Vorwärtskommen wird von einem 400V Lithium-Ionen-Akku mit 54 kWh (51 kWh netto) Kapazität zur Verfügung gestellt.
Das größte Manko ist wohl die Kraftübertragung an die Vorderachse, denn bei diesen Leistungszahlen ist ein Zerren an der Lenkung und teilweises durchdrehen der Räder keine Seltenheit. Ist man allerdings in Bewegung und kommt in den Genuss einer kurvenreichen Strecke, sorgen das knackige Fahrwerk und das Torsen-Sperrdifferenzial für puren Fahrspaß. Das Handling ist kontrolliert, direkt und ordentlich Feedback wird auch an den Fahrer weitergegeben. Trotz der rund 1,6 Tonnen Leergewicht fühlt sich das Fahrzeug spielerisch leicht an und kann einige hunderte Kilogramm vertuschen. Auch die gut dimensionierte Bremse spielt einen wichtigen Anteil bei der Gesamtkomposition und ergänzt das Erlebnis ideal. Rundum kann der Abarth 600e Scorpionissima somit mit sportlichen Fahrverhalten punkten und hat dank der serienmäßigen Sportbereifung ordentlich Grip, solange man die Grenzen des Frontantriebs einhält.
Wenn alles so eindeutig in eine Richtung geht, ist es wenig überraschend, dass andere Aspekte etwas kürzer kommen. Somit ist die Geräuschkulisse nicht zu vernachlässigen, da man vieles an Fahrgeräuschen im Innenraum wahrnimmt. Auch die Reichweite ist mit realistischen 200-300 km überschaubar, wobei wohlbemerkt das Wetter eine starke Rolle spielt. Bei niedrigen Temperaturen purzelte die angezeigte Reichweite nur so dahin. Das ist in Kombination mit der maximalen Ladeleistung von 100 kW eine eher unangenehme Mischung. Da in der Praxis meist 70-80 kW an einem DC Charger als realistisch zu betrachten sind. Hier hilft jedenfalls eine Wallbox in der Garage, womit in rund sechs Stunden der Akku von 0-100 Prozent geladen wird.
Fazit:
Zugegeben ist das gesamte Setup etwas dynamischer als in einem üblichen Straßenfahrzeug, aber genau deswegen ist der Abarth 600e Scorpionissima so gut. Er ist schlichtweg nicht gewöhnlich und will es auch nicht sein, was jede Fahrt zu einem kleinen Abenteuer macht. Dennoch kann man ihn auch gut im Alltag einsetzen, jedoch muss man sich mit den Komforteinbußen arrangieren. Für echte Fans dürfte das jedoch kein Problem sein. Lediglich die Ladeleistung und der Frontantrieb sind uns teilweise ein Dorn im Auge.
Was uns gefällt:
- Die kompromisslose Sportlichkeit
- Der aggressive Look
- Die Materialwahl im Innenraum
Was wir noch verbessern würden:
- Verbau eines Heckantriebs
- Optimierung der Ladeleistung
Factbox: Abarth 600e Scorpionissima
Motor/Antrieb
Motor: Permanentmagneterregter Synchronmotor
Leistung kW/PS: 207 kW / 280 PS
Drehmoment: 345 Nm
Antrieb: Vorderradantrieb
Getriebeart: 1-Gang-Automatikgetriebe
0-100 km/h: 5,85 Sekunden
V-Max: 200 km/h
Verbrauch/Umwelt
Werksangabe – kombiniert: 18,7 kWh/ 100 km
Gas-Junky-Test – Durchschnitt: 19,5 kWh/ 100 km
Reichweite nach WLTP: 321 km
CO2-Emissionen: 0 g/km
Ladedauer (Herstellerangaben)
Wallbox, 11 kW (0-100%): 5h 45min
Gleichstrom-Schnelllader 100kW (0-80%): 27min
Reifen/Felgen/Bremsen
Bremsen: VA: Scheibenbremsen 380 x 32 innebelüftet HA: Scheibenbremsen 268 x 12
Felgen/Reifen: 225/40 R20
Gewicht und Maße
Leergewicht: 1.625 kg
L/B/H: 4.187/ 1.981/ 1.557 mm
Radstand: 2.559 mm
Kofferraumvolumen: 360-1.231 Liter
Elektrische Speicherkapazität in Kilowattstunden: 54 kWh (brutto)/ 51 kWh (netto)
Preise
Abarth 600e zu haben ab: € 39.600,-
Abarth 600e Scorpionissima zu haben ab: € 43.600,-
Preis Testfahrzeug inkl. NoVa und MWSt.: € 43.600,-
(c) Bilder: Sebastian Poppe
Zu guter Letzt möchte ich diese Gelegenheit ergreifen und mich verabschieden. Nach etwas über vier Jahren und über 50 Praxistests, sowie zahlreichen weiteren Newsberichten und Fahrevents ist dies mein vorerst letzter Artikel, da mir leider schlichtweg die nötige Zeit fehlt um die hochqualitativen Berichte zu erbringen, die Sie verdienen. Ich möchte mich bei Ihnen allen für das Lesen meiner Berichte bedanken, aber auch ganz besonders bei Sebastian Poppe und dem gesamten Team, das Gas Junky so großartig macht. In Zeiten großer automobiler Veränderung und steigenden Drucks wird hier weiterhin größte Mühe erbracht, um konstant informative, unterhaltsame, aber dennoch hochwertige und seriöse Berichte zu veröffentlichen, welche den Leser:innen eine objektive Hilfestellung zur Akquisition eines Neuwagens oder schlichtweg Unterhaltung bieten.
Ich durfte unzählige Momente mit dem Team, Freunden und meiner Familie – besonders meinem Vater- erleben, die ich ewig in Erinnerung behalten werde, meiner Leidenschaft nachgehen und fantastische Autos bewegen. All das wäre ohne Gas Junky so nicht möglich gewesen.
Es war mir eine große Ehre und Freude ein Teil dieses Magazins gewesen zu sein und hoffe Sie eines Tages wieder mit Berichten versorgen zu dürfen.
Vielen Dank Ihnen allen und gute Fahrt!
Alexander Schön

